Im Dienst der Ordnung
27. Oktober 2009Als der 1848 geborene Handwerker Louis L. Leitz 1871 in Stuttgart-Feuerbach eine kleine Werkstatt gründete und dort mit nur zwei Mitarbeitern die Fertigung von Metallteilen für Ordnungsmittel aufnahm, ahnte er noch nicht, welche Revolution er ein Vierteljahrhundert später auslösen sollte, denn seine Suche nach einer Alternative zur damals üblichen starren Ablage von Schriftstücken führte im Jahr 1896 zur Erfindung des – patentamtlich korrekt formuliert – „Briefordners mit Hebelmechanismus”. Dieser nach wie vor äußerst populäre „Leitz-Ordner” mit den beiden Bügeln und der Klemmspange mit Drücker erlaubte erstmals die flexible Ablage von Papieren, die nun buchähnlich aufbewahrt, sauber umgelegt sowie an beliebiger Stelle eingelegt und entnommen werden konnten. Ab 1901 trug der Rücken der zunächst nur in schwarz-grau angebotenen Ordnungshilfe den Namen seines Schöpfers in der klassischen und inzwischen verschwundenen „Pinselschrift”, und 1911 erfuhr das praktische Büro-Utensil seine wohl größte Änderung: Ein metallgefasstes Griffloch machte fortan die komfortable Entnahme des Leitz-Ordners aus dem Regal möglich. Eine weitere Verbesserung wurde dem Inbild der Ablage durch eine Idee Erich Krauts zuteil, der, seiner Erblindung im Ersten Weltkrieg zum Trotz, die Ordnerfabrik ELBA in Wuppertal aufbaute. Er brachte in den Deckel des Ordners zwei ebenfalls mit Metall eingefasste Löcher ein, durch die die Bügel herausragen konnten und ihn somit kompakter und standfester machten. – Die gezeigte, 60 × 45 mm² große Reklamemarke stammt wahrscheinlich noch aus der Zeit vor Einführung des Grifflochs.
Spiel am Sonntag
25. Oktober 2009In ihrem hervorragenden Buch „Living Out Loud – Activities to Fuel a Creative Life” gibt die Autorin und Illustratorin Keri Smith zahlreiche interessante Anregungen und auch konkrete Anleitungen zum kreativen (Aus-)Leben. Ich mag ihren Stil sehr, ebenso ihre Art, sich die Umwelt und alltägliche Dinge zu erschließen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen.
Unter dem Stichwort „Originalität” zitiert sie einen früheren Lehrer und eine Aufgabe von ihm:
Write down as many uses as you can think of for a pencil.
Weiter schreibt sie:
Try to get to 100.
Oha! Na, ich mach’ mal einen Anfang:
- Schreib- und Zeichengerät (bestimmungsgemäßer Gebrauch)
- Essstäbchen
- Lineal
- Hilfe zum Kratzen auf dem Rücken
- Trommelstock
- Material für ein Kunstobjekt
- Beißholz
- Lesezeichen
- Rührstab
- Achse für Waage (z. B. mit Lineal)
- Werbeträger
- Sammelobjekt
- Tauschgegenstand
- Hilfsmittel zum Straffen des Bandes in einer Audiokassette
- Feuerholz
- Türfeststeller
- Wurfgeschoss
- Ausstellungsobjekt
- Taktstock
- Sicherung der Hochsteckfrisur
- Pflanzholz
- Hilfe zum Blättern (nur Bleistifte mit Radierer)
- Wegweiser/Richtungszeiger
- Wählhilfe beim Wählscheibentelefon
- Zeigestock
- Erkennungsmerkmal
- Forschungsobjekt in der Technik- und Kulturgeschichte
- Locher-Ersatz
- Schmuckstück (z. B. Stummel als Brosche)
- Hilfsmittel zur Verschlüsselung (Skytala; nur Bleistifte ungewöhnlichen Durchmessers)
- Stab für Sonnenuhr
- Zahlungsmittel
- Gesprächsauslöser
- Handelsware
- Verschluss eines geeigneten Etuis
- Sportgerät (Weitwurf, Spinning)
- Maßstab/Lehre
- Stichwaffe
- Kerbholz
- Wickelkern (z. B. für Kordel)
Was könnte man dieser Liste noch hinzufügen?
Notiz-Knirps
23. Oktober 2009Platz nicht nur für große Ideen, sondern auch in der kleinsten Tasche hat dieses winzige Notizbuch im Format A8 des niederländischen Anbieters Presign.
Trotz seiner geringen Abmessungen von gerade einmal 76 × 59 × 15 mm³ bietet das 45 g leichte Büchlein mit Fadenheftung, Lesezeichenband, Verschlussgummi und klassischem Einband alle vertrauten Merkmale der großen Brüder (die auf der Verpackung angedeutete Falttasche im Einband konnte ich bei meinem Exemplar jedoch nicht finden).
Die 192 linierten und an zwei Ecken abgrundeten Seiten aus glattem Papier der üblichen Grammatur von 80 g lassen sich überraschend komfortabel blättern und beschreiben, so dass einer kreativen Nutzung der insgesamt 0,75 Quadratmeter nichts im Wege steht.
Das gut verarbeitete A8-Notizbuch wird mit Papierbanderole in schützender Klarsichtfolie für etwa 1,50 Euro angeboten.
Maped Technic 600
22. Oktober 2009Zunächst nur ein Zufallsfund, dann aber eine kleine Entdeckung war der Radierer „Technic 600″ des französischen Herstellers Maped, der ihn in der Rubrik „Technical drafting” führt und mit „Erasers designed for optimum efficiency” bewirbt.
Er ist 61 × 21 × 12 mm³ groß, knapp 25 g schwer und kommt im funktionell gestalteten Pappschuber sowie mit Klarsichtfolie geschützt bereits für etwa 20 Euro-Cent in die Hände all jener Bleischreiber, die sauber radieren wollen. – Übrigens wurden hier mit der Eurostyle (Aldo Novarese, 1962; “600”) und der Serpentine (Dick Jensen, 1972; “Technic”) gleich zwei nach wie vor sehr populäre, technisch-dynamische Display-Fonts verwendet, und der Pfeil aus dem Dingbats-Zeichensatz von Hermann Zapf (1978) passt meiner Ansicht nach sehr gut dazu.
In 13 Sprachen und obendrein mit Symbolen informiert die Bedruckung der Hülle über die saubere Arbeitsweise des „Technic 600″, wobei mich die Formulierung „Löscht ohne Rückstände” schon etwas überrascht hat. Doch der Hersteller hat recht – das Teil putzt ordentlich was weg, ohne selber ein Reinigungskommando notwendig zu machen.
Fazit: Gut und günstig!
Ein Dutzend STAEDTLER MARS LUMOGRAPH 2886 B
21. Oktober 2009Rüssel und Radierer (1)
20. Oktober 2009Ob klein und schwarz oder grau und groß, als schlanker Schattenspender oder kultureller Stützpfeiler – den liebenswürdigen und in zahlreichen Varianten auftretenden Rüsseltieren fühle ich mich nicht nur als langjähriger Bürger Rüsselsheims aufs Engste verbunden, und so ist es mir ein sehr großes Vergnügen, hier und heute gleich drei weiteren gemütlichen, gedächtnisstarken und zudem gegen den Graphit antretenden Dickhäutern sowohl Auslauf als auch die verdiente Aufmerksamkeit verschaffen zu dürfen.
Aus dem Gehege des traditionsreichen und in Tschechien ansässigen Herstellers Koh-I-Noor stammt der erste aus dem Trio. Schlicht mit „300/40″ benannt macht er dem Graphit den Garaus, und was dem mit 8 × 23 × 37 mm³ recht kleinen Kerl an körperlicher Größe fehlt, gleicht er durch den Einsatz des ihm beigegebenen Schleifmittels mehr als aus.
Groß und weich war der Radiergummi „Elefant”, für den sein Erzeuger Ferd. Marx & Co. in Hannover vor etwa 90 Jahren mit dieser attraktiven Reklamemarke warb. Eine imposante Gestalt, mit der ich mich selbst als harter Bleistift nur äußerst ungern angelegt hätte!
Dieser elastische, 35 mm große Akrobat schwingt im Rahmen der Aktion „Fans of Earth” des Anbieters Brunnen seine Hufe und nimmt mit seiner hohen Gelenkigkeit zweifellos eine Sonderstellung unter den gerüsselten Radierern ein. Woher jedoch sein überraschter Blick herrührt, wollte er mir bisher nicht verraten.
LYRA 664
19. Oktober 2009Ein in mehrfacher Hinsicht auffälliger und ungewöhnlicher Bleistift ist der „664 STENO” von LYRA, der bis Mitte der 90er Jahre im Programm des fränkischen Herstellers war und noch heute manchmal in Restekisten anzutreffen ist.
Der in einem dem Leucht-Orange ähnlichen Farbton lackierte, runde und 17,5 cm lange LYRA 664 ist mit 7 mm etwas dünner als ein Standard-Bleistift, hat aber ebenso wie dieser eine 2 mm dicke Mine. Die 2 cm lange Tauchkappe in gebrochenem Weiß deutet darauf hin, dass es sich hier um die erste Variante dieses Bleistifts handelt, denn zwischen 1991 und 1994 fiel sie weg. – Vorläufer des 664 war der bis in die 70er Jahre hinein angebotene LYRATO 665 mit schwarzer Tauchkappe, den es in den Härtegraden HB, B und 2B gab; parallel zum 664 – zumindest von 1973 bis 1995 – führte LYRA den Orlow Stenostift 6331 mit kürzerer, schwarzer Tauchkappe in den Härten HB, B und 2B.
Der Folienprägedruck in stark kontrastierendem Metallic-Blau macht mit einer Ausnahme nur die notwendigsten Angaben. Neben dem Herstellungsland, der Nummer, dem Namen des Herstellers und dessen Sinnbild findet sich die Funktion des Stifts in Kurzschrift, d. h. in stenografischer Schreibung.
Die lange Geschichte der Stenografie geht bis ins erste vorchristliche Jahrhundert zurück und brachte 1924 mit der Deutschen Einheitskurzschrift den ersten deutschen Standard hervor; verbunden mit diesem sind Stenografieblock und -bleistift. Zur stenografischen Technik kann ich leider gar nichts sagen, und so beschränke ich mich auf ein paar Beispiele von meinem Vater, der diese faszinierende Kunst auf beneidenswerte Weise beherrscht.
Die Wörter „Steno” und „Stift” in stenografischer Schreibweise
„Stenostift”
Diesen Schriftzug zeigt auch der Aufdruck des LYRA 664.
Kleine Notiz am Rande: Warum sind Stenografie-Bleistifte eigentlich rund? Das Profil des hexagonalen Bleistifts wirkt in den haltenden Fingern wie eine Rastung und sorgt damit für bevorzugte Positionen in der Hand. Die in der Stenografie notwendigen Unterschiede in der Strichstärke machen es jedoch erforderlich, dass der Stift geringfügig axial gedreht werden und auch danach noch komfortabel gehalten werden kann. Ein runder Bleistift erfüllt diese Forderung am besten und strapaziert die Hand bei längerem Gebrauch weniger als ein sechsflächiger. Zum leichteren Schreiben der Verstärkungen haben Steno-Bleistifte oft eine etwas weichere Mine, die etwa der Härte B entspricht. – Heute noch erhältliche Steno-Bleistifte sind der STAEDTLER Mars stenofix (HB) und der Faber-Castell 9008 Steno (HB, B und 2B). Daneben gibt es Steno-Füller wie den Pelikan P470, dessen besonders elastische Feder ebenfalls die benötigte Modulation erlaubt.
Spitzen: links ab Werk, rechts mit dem Carl Decade DE-100 gespitzt
Der Aufdruck des insgesamt gut verarbeiteten LYRA 664 nennt keinen Härtegrad, doch LYRA teilte mir mit, dass es B war. Die Mine ist sehr gut, bruchstabil und hat eine saubere Abgabe; das sie einfassende Holz lässt sich im Handspitzer und mit der Kurbelspitzmaschine gut spitzen.
„Bleistift”
Mehr zu Steno-Bleistiften gibt es bei pencil talk unter „Steno pencils: pencils with a job” und „Another Steno Pencil – the Hardtmuth Steno 550″.
Danke an LYRA für die Informationen zum STENO 664!
Nachtrag vom 19.10.10: Leider hat Pelikan den Stenofüller P470 bereits Mitte 2009 aus dem Sortiment genommen.
























