Archiv des Stichworts „IBM”

IBM Electrographic

Mittwoch, 19. September 2012

Einer der meistgesuchten Bleistifte der vergangenen Jahrzehnte ist der IBM Electrographic. Aber warum? Und was hat es mit diesem Stift auf sich?

IBM Electrographic

Bereits im 19. Jahrhundert versuchte man, Handgeschriebenes maschinell zu reproduzie­ren. Die dazu entwickelte Maschine konnte die elektrische Leitfähigkeit von Zeichen auf ei­ner Oberfläche erkennen, und so erstellte man die Vorlagen mit isolierender Tinte auf lei­tendem Beschreibmaterial (frühe Systeme nutzten Stanniol-beschichtetes Papier)1. Erfolg mit der Maschinenlesung hatte jedoch erst IBM mit der IBM 805 Test Scoring Machine, die im Jahr 1937 markteingeführt wurde. Die IBM 805 maß den Widerstand von Bleistiftmar­kierungen an definierten Positionen auf dem Papier und verglich das so erkannte Muster mit einem in der Maschine hinterlegten Schlüssel, womit sich z. B. große Mengen von Prü­fungsbögen automatisch auswerten ließen2. Diese unter dem Markennamen „Mark Sense” eingetragene Technik wurde später noch für andere Zwecke genutzt, u. a. zum Stanzen von Lochkarten entsprechend der Markierungen (IBM 513 und IBM 514). 1962 kam der IBM 1230 Optical Mark Scoring Reader auf den Markt, der die Zeichen anhand ihres Re­flexionsgrades oder ihrer Lichtdurchlässigkeit las3; 1963 wurde die IBM 805 vom Markt ge­nommen. – Was also lag näher, zu der Technik auch gleich die Bleistifte zum Ausfüllen der Bogen anzubieten?

IBM Electrographic

Zunächst ein kurzer Blick auf die Gestaltung. Das runde „Globus”-Logo auf der Rückseite wurde 1924 eingeführt und war bis 1946 in Gebrauch. 1947 kam das erste Logo aus drei Großbuchstaben, zuerst im Font Beton Bold. Die Variante auf den Schmalseiten und der Vorderseite – ebenso wie der Text darunter in der City Medium von Georg Trump – beglei­tete IBM ab 1956; ihr folgte 1967 die Ausführung mit den dreizehn waagrechten Streifen (1972 kam die Form mit acht Streifen). Kurz: Die Rückseite4 passt zum Corporate De­sign bis 1946 und die Vorderseite zu dem ab 1956. Die gezeigten Stifte stammen also ver­mutlich aus der Zeit zwischen 1956 und 1967.

IBM Electrographic

Das Dutzend des IBM Electrographic, das ich vor kurzem ergattern konnte, hat alters- und lagerungsbedingte Spuren: Die Karton-Banderole ist vergilbt, die ungespitzten Enden man­cher Stifte sind etwas angestoßen und die Radierer sind hart. Ein paar Bleistifte sind leicht gekrümmt, was ich auf Fertigungsmängel zurückführe.

IBM Electrographic

Der sechsflächige Bleistift hat einen Durchmesser von 7,6 mm (Schlüsselweite 7 mm). Die Kombination aus schwarzem Lack, weißem Prägedruck, silberfarbener Zwinge und rotem Radierer macht sich gut, doch bei näherem Blick zeigen sich Mängel, die den Eindruck trü­ben: Der Lack ist zwar dick, aber uneben, und die Schrift von mäßiger, schwankender Qua­lität, denn manche Buchstaben laufen zu oder ineinander. Zudem sitzen einige Minen nicht ganz zentrisch – ein Mangel, der im Gegensatz zu den oben genannten den Gebrauch des Bleistifts beeinträchtigt. – Ich gehe davon aus, dass IBM die Bleistifte zugekauft hat, aber es gibt nichts, was auf den Hersteller hinweist; sogar die Blindprägung fehlt.

IBM Electrographic

Das Holz, dessen Farbe und Maserung für Zeder spricht, bekommt im Handspitzer eine ver­gleichsweise rauhe Oberfläche, macht im Kurbelspitzer (hier: der Carl Decade DE-100) aber eine gute Figur. Die 2,4 mm dicke Mine, die ein wenig fettig wirkt und keine ganz saubere Abgabe hat, schreibt sich leicht und glatt. Sie ist nur mäßig wischfest, aber recht homo­gen, sehr gut schwärzend und bemerkenswert gut radierbar. Ihre Spitze hält nicht lange, denn die Mine ist weich; der subjektive Härtegrad entspricht etwa dem des STAEDTLER Mars Lumograph 4B.

IBM Electrographic

Es gab mindestens zwei Varianten des IBM Electrographic, wie dieses Foto zeigt. Neben der sechsflächigen (oben) war auch eine runde (unten) mit einem Durchmesser von 7,5 mm auf dem Markt; mehr zu dieser unter „IBM Electrographic pencil” bei pencil talk5. Danke an Stephen für dieses Exemplar!6 – Man beachte die Unterschiede der für die Beschriftung genutzten Fonts. Während der untere der City Medium entspricht, so weicht der obere mit seinen Rundungen deutlich ab.

IBM Electrographic

Der IBM Electrographic hat zweifellos seinen Reiz, und wer Spaß an historischen oder unge­wöhnlichen Bleistiften hat, wird auch an ihm Gefallen finden.

IBM Electrographic

Und wie ist es um die für das „mark sensing” so wichtige Eigenschaft, nämlich die elektri­sche Leitfähigkeit, bestellt? Ich konnte es nicht lassen, dies rasch zu prüfen.

IBM Electrographic

Die Leitfähigkeit ist definiert als σ = I/U × L/A mit I = Stromstärke, U = Spannung, L = Abstand der Kontakte und A = Querschnitt des Leiters. Für die einfache qualitative Be­trachtung reicht es zu wissen, dass σ proportional zum Kehrwert des Widerstands (R = U/I) ist. Dazu habe ich mit dem IBM Electrographic eine Fläche gut abgedeckt und dies zum Vergleich auch mit dem STAEDTLER Noris B und dem STAEDTLER Lumograph 4B gemacht; an gleichgroßen Stücken daraus habe ich dann den Widerstand bestimmt.

IBM Electrographic

Normiere ich nun 1/R (IBM) = 1/Ω, so erhalte ich für 1/R (Noris) = 0,11/Ω und für 1/R (Lumograph) = 0,77/Ω. Dies bestätigt zwar die signifikant bessere Leitfähigkeit des IBM Electrographic gegenüber dem Noris B, setzt ihn aber nicht nennenswert vom Lumograph 4B ab7. – Unklar ist, ob die Mine noch andere, für den Prozess wichtige Eigenschaften auf­weist (z. B. für die Abfrage der Markierungen über die Bürstenkontakte in der IBM 805) und ihre Rezeptur in Zusammenarbeit mit IBM entwickelt wurde.

IBM Electrographic

Bei der Beschäftigung mit diesem Thema kam mir noch ein ganz anderer Gedanke: Wäh­rend die Schrift eines Bleistifts normalerweise von einem Menschen gelesen wird, so war die des IBM Electrographic für die Verarbeitung durch eine Maschine gedacht. Der Bleistift als Mensch-Maschine-Schnittstelle – das finde ich reizvoll.

  1. Douglas W. Jones: Counting Mark-Sense Ballots.
  2. Siehe die Broschüre „Scoring Examinations the Electrical Way”, mit der IBM das Verfahren bewarb.
  3. Dieses Verfahren wird als Optimal Mark Recognition, kurz OMR, bezeichnet.
  4. Als bekennender Typoholiker kann ich mir den Hinweis nicht verkneifen, dass die ersten beiden Absätze des Textes in der Futura gesetzt wurden.
  5. Darüber hinaus gab es noch 1,18 mm dicke Minen; siehe „IBM Electrographic lead” bei pencil talk. – Es gab von IBM auch Elektrographik-Tinte, und mit speziellen Ausführungen des IBIS 130 sowie des Pelikan 140 bediente Pelikan den Elektrographik-Markt.
  6. Dieser Stift hat einen erheblich besseren Lack; gut möglich, dass er auch über eine höher­wertige Mine verfügt (ich habe ihn noch nicht getestet).
  7. Elektrotechniker mögen mir das sportliche Vorgehen nachsehen.

Denke (2)

Freitag, 20. Juli 2012

Kleiner und vermutlich älter als das braune Notizblock-Etui von IBM ist dieses graublaue Exemplar, das zudem über eine Schlaufe mit rundem Bleistift verfügt.

Denke (2)

Im 90 × 65 mm großen, goldfarben bedruckten Etui aus Kunstleder steckt ein 84 × 53 mm großer Abreißblock, der ursprünglich um die 40 Blatt gehabt hat. Etwa ein Drittel der Blätter fehlen, und die Zeichnungen auf einigen legen den Schluss nahe, dass auch mal ein Kind Freude an diesem Utensil hatte.

Neben dem Firmenslogan „THINK” auf der Vorder- und „IBM” auf der Rückseite finden sich unter dem Block Angaben zum Nachbestellen. – Im Gegensatz zur braunen Variante trägt diese nicht die Unternehmenswerte.

Denke (2)

Mir gefallen die geringen Abmessungen, die Farben und der Stift, dessen Lack mit dem Auf­druck korrespondiert. Der Slogan sagt mir als passioniertem Selbstdenker natürlich be­sonders zu.

Denke (2)

Ich hätte nichts dagegen, wenn die eine oder andere Firma statt der allgegenwärtigen Werbe-Kugelschreiber so etwas streuen würde.

Denke

Sonntag, 11. September 2011

Eine weitere Kostbarkeit aus dem Päckchen von Michael Leddy, das auch den historischen CASTELL 9000 enthielt, ist dieser Notizblock, den IBM Ende der 1980er Jahre ausgegeben hat.

Denke

Er ist 75 × 115 mm groß und mit dem bereits in den 1920er Jahren eingeführten Slogan „THINK” bedruckt, was ihn zum „Think pad” und dieser Quelle1 zufolge zum Namensgeber der gleichnamigen Notebooks gemacht hat.

Denke

Vierzig Blanko-Seiten warten darauf, die durch das Denken gewonnenen Ideen aufzuneh­men. – Das Klappeninnere gibt die Unternehmenswerte wieder.

Denke

Ebenso schlicht wie die Vorderseite ist die Rückseite, die nur das Logo zeigt.

Denke

Für mich ein außergewöhnliches und wertvolles Stück.

Denke

Thank you again, Michael!

Nachtrag vom 20.7.12: Es gab auch mal eine kleinere, graublaue Variante.

  1. Das dort gezeigte sieht etwas anders aus; vermutlich gab es verschiedene Auflagen.

Diese Website nutzt Cookies. Wenn Sie weiter auf dieser Seite bleiben, ohne die Cookie-Einstellungen Ihres Browsers zu ändern, stimmen Sie zu, diese Cookies zu verwenden. Mehr Informationen erhalten Sie im Datenschutzhinweis.
OK