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Sirius Bleistift Nr. 2

Sirius Bleistift Nr. 2

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Ein ungewöhnliches und sehr interessantes Geschenk meiner besseren Hälfte: Ein Dutzend „Sirius Bleistift Nr. 2″, hergestellt von der „VEB Leipziger Pianofortefabrik Abt. Bleistifte” in Leipzig, Böhlitz-Ehrenberg.

Sirius Bleistift Nr. 2

Die „VEB Leipziger Pianofortefabrik” im Leipziger Stadtteil Böhlitz-Ehrenberg entstand 1945 aus der Enteignung der 1910/11 gegründeten Ludwig Hupfeld AG. Wie das Staatsarchiv Leipzig informiert, wurde die Pianofortefabrik 1967 mit drei weiteren Betrieben in der „VEB Deutsche Piano-Union Leipzig” zusammengeführt; 1985 kamen weitere 18 Betriebe hinzu. (NB: Laut Wikipedia übernahm die Carl A. Pfeiffer GmbH & Co. KG, Leonberg, nach der Wende das Unternehmen und verkauft seitdem die in Leipzig gefertigten Klaviere und Flügel unter den Markennamen Hupfeld und Rönisch. Letzterer knüpft an die im Jahr 1948 gegründete Klavierfabrik des Dresdeners Carl Rönisch an, die 1918 in der Ludwig Hupfeld AG aufging). Nun gab es diese „volkseigenen Betriebe” aber erst ab 1949, dem Jahr der DDR-Gründung, und auch danach waren manche Firmen zunächst Genossenschaften; die Bleistifte dürften also 42 bis 60 Jahre alt sein. Die Banderole macht dazu leider keine Angaben; auf der Rückseite findet sich lediglich die noch nicht mal einen Millimeter hohe Kennzeichnung „III/18/194″.

Sirius Bleistift Nr. 2

Die vier oder gar mehr Jahrzehnte haben ein paar Spuren an den Bleistiften hinterlassen: Die Radierer sind hart und unbenutzbar geworden, der goldfarbene Prägedruck hat sich teilweise abgelöst und der rote Lack zeigt einige Risse. Keines der Exemplare ist jedoch verworfen, und gemessen am Alter sind die Stifte insgesamt gut erhalten.

Sirius Bleistift Nr. 2

Die sechseckigen Stifte mit dem Durchmesser von 7,5 mm und 2,3 mm dicker Mine tragen die Kennzeichnung „|| [PF-Logo] || Sirius BLEISTIFT NR. 2 * 614″. Sie zeigen recht hohe Fertigungstoleranzen sowohl in der Länge als auch bei der Anbringung von Zwinge und Radierer. Kürzester und längster Bleistift in diesem Dutzend unterscheiden in der Länge um 2 mm und die Position der Zwinge variiert um 3 mm; auch sitzt die Mine nicht immer ganz zentrisch.

Sirius Bleistift Nr. 2

Sirius Bleistift Nr. 2 gespitzt mit der „Granate” von Möbius+Ruppert (oben)
und dem Tischspitzer Carl Decade DE-100 (unten)

Auch Holz und Mine sind gut durch die Jahre gekommen, denn ersteres lässt sich gut spitzen und letztere schreibt sauber ohne zu kratzen. Die Radierbarkeit (getestet mit dem uni Mark Sheet Eraser und dem Tombow Mono One) ist sehr gut.

Sirius Bleistift Nr. 2

Das kleine Logo, ein Flügel mit aufgeklapptem Deckel, ziert die Banderole sowie (in verein­fachter Form) die Bleistifte und gefällt mir – ebenso wie der „Sirius”-Schriftzug – außeror­dentlich gut.

Sirius Bleistift Nr. 2

Ich weiß nicht, wie dieser Bleistift in das Lieferprogramm eines Klavierherstellers gelangte. Wurde der „Sirius” aus den Resten des Holzes gefertigt, das für die Instrumente zum Einsatz kam, oder zählte er als Zubehör, z. B. für Anmerkungen an den Noten? Erst habe ich vermutet, dass sein Ursprung in der sog. Konsumgüterproduktion der ehemaligen DDR liegt, als in der Planwirtschaft auch produktfremde Firmen zur zusätzlichen Produktion von Konsumgütern aufgefordert wurden, aber diese begann ja erst Anfang der 70er Jahre. Und: Welche Informationen sind in der Kennzeichnung „III/18/194″ auf der Banderole codiert?

Sirius Bleistift Nr. 2

Nachtrag (18.3.09): Auf Georg Büttners Bleistiftseiten heißt es zur TURM-Bleistiftfabrik in Böhlitz-Ehrenberg: „In der Leipziger Pianoforte Fabrik (LPF) von Ludwig Hupfeld wurden nach 1945 neben Möbeln und Sportgeräten auch Bleistifte hergestellt. Wie lange dort produziert wurde ist nicht bekannt.” Zu sehen sind auch zwei Bleistiftschachteln von etwa 1950.

Nachtrag (1.6.09): Unter „Spurensuche” gibt es ein paar Details zu der Vorgeschichte dieses Bleistifts und der Bleistiftproduktion im Leipziger Stadtteil Böhlitz-Ehrenberg.

Stichwörter: Leipzig, Museum

12 Kommentare zu „Sirius Bleistift Nr. 2”

  1. Frank

    Hallo Gunther,

    Ihrer Besseren Hälfte mal die gleiche Bezugsquelle (Behr-Shop, Ebay) unterstellt: mein Dutzend ist, - bis auf die Radiergummi, die bei mir dann doch eher ein Gefühl von Schmirgel evozieren, ähnlich dem Läufer Metallradierer; vielleicht taugen sie noch zur Rostentfernung, das wäre einen Versuch wert, - in hervorragendem Zustand. Ich besitze noch einige Castell- und Staedtler-Stifte aus den 1970ern und teilweise auch 80ern, die wesentlich stärker zu Versprödungen, Rissen und Abplatzungen der Lackierung neigen.

    Bezüglich dem CARL: verraten Sie Ihre Bezugsquelle, wahrscheinlich Bundoki?

    Grüße
    Frank

  2. Lexikaliker

    Hallo Frank,

    was die Bezugsquelle angeht, so dürften Sie richtig liegen. – Meine Beschreibung des Zustands klang schlimmer als der Zustand selber; ich habe den Text daher etwas geändert. Auch in meinem Fundus gibt es Bleistifte, die nicht so alt sind wie diese, aber (vielleicht auch durch unsachgemäße Lagerung) wesentlich größere Defekte aufweisen; verglichen mit diesen hat sich der „Sirius” gut gehalten.

    Ja, den Carl Decade DE-100 habe ich von Bundoki. Interessant bei diesem und dem anderen Tischspitzer von Carl ist neben dem hohen Gebrauchswert der gummigepolsterte Greifer, der die Stifte schont – selbst die 300 Euro teure Spitzmaschine von El Casco packt metallisch zu und hinterlässt Spuren (wenn auch nicht solche wie die üblichen Modelle).

    Gruß,

    Gunther

  3. Müller

    Ichhabe 1958 in der Leipziger Pianoforte gelernt und besitze aus der Zeit noch einige Kopierstifte

  4. Lexikaliker

    Das klingt sehr interessant! Hätte ich vielleicht die Möglichkeit, mir diese zum Fotografieren auszuleihen?

  5. Drainspotter

    Zur ersten Frage: Bleistifte kommen ins Programm eines Klavierherstellers, wenn eine staatliche Plankommission dies so beschließt. Wahrscheinlich hat diese festgelegt, daß Bleistifte für den Aufbau des Sozialismus erst enmal wichtiger sind als solch bürgerliche Relikte wie Klaviere (gar noch Flügel) und einen entsprechenden Ukaß verfaßt.
    In den siebziger Jahren gab es zum Beispiel eine Campagne, die Industriebetriebe verpflichtete, Konsumgüterprodukte herzustellen, weil man festgestellt hatte, daß die einseitige schwerindustrielle Ausrichtung der Wirtschaft zu Mangel an Waren des täglichen Bedarft geführt hatte. So hat zum Beispiel ein Leipziger Buchbindereimaschinenwerk Schneefanggitter produzieren müssen, um der Konsumgüterquote gerecht zu werden. Aber es gibt da noch bei weitem groteskere Beispiele, die mir nur gerade nicht geläufig sind.

    Zur zweiten Frage: III/18/194 ist eine Druckgenehmigungsnummer und hat mit dem Produkt selbst überhaupt nichts zu tun. Jede Drucksache in der DDR war grundsätzlich genehmigungspflichtig. Damit die Zensurbehörde aber nicht durch Anträge auf Druck von solchen Banderolen und dergleichen überlastet würde, bekamen Druckereien Pauschalgenehmigungen für bestimmte Erzeugnisse, die sie freihändig durch diese betriebsbezogene Nummer kennzeichnen durften. III/18 deutet auf eine Druckerei in Leipzig, während man anhand der 194 den konkreten Betrieb ermitteln könnte, wenn man die entsprechende Legende hätte. Man könnte also heute theoretisch noch bei jedem Etikett aus der DDR sagen, welche Druckerei es hergestellt hat. Ohne eine solche Nummer wäre jede Drucksache illegal gewesen. Der Satz »Eine Zensur findet nicht statt« ist halt in der DDR-Verfassung irgendwie vergessen worden.

    Interessante Seite übrigens, ich lade auch mal zum Besuch auf manholecovers.de ein. Man kann ja nicht nur Bleistifte sammeln, sondern auch Kanaldeckel.

  6. Lexikaliker

    Danke für die interessanten Informationen!

    Es war also offenbar tatsächlich der Fall, dass die Bleistifte im Rahmen der Konsumgüterproduktion entstanden sind.

    Die Details zur Druckgenehmigungsnummer sind sehr aufschlussreich, und durch die Möglichkeit, anhand dieser Spurensuche zu betreiben, hat dieses Werkzeug der Zensur wenigstens heute einen positiven Aspekt.

    Dem Hinweis zu den Kanaldeckeln bin ich selbstverständlich gefolgt, habe ich mich doch auch schon über die Gestaltung des einen oder anderen gefreut und ihn fotografiert. Eine sehr schöne Galerie!

  7. uwe5511

    Habe in meinem Fundus 3 Phönix-Schachteln gefunden. Ein Karton ist noch gefüllt mit 12 Stiften. Kopier Mittel Härte 4, Lila Metallic. Da ich auch noch diverses Material von Saxonia, Koh-I- Noor Hardthmuth, Blue Star Bohemia Work gefunden habe, also bis zu meinem Lebensende Bleistifet habe, werde ich die Phönix-Verpackung wohl bie ebay verkaufen.

  8. Lexikaliker

    Falls das ein Angebot sein soll: Danke, aber ich habe kein Interesse.

  9. eM

    lieber lexikaliker,

    habe als wiener am elbeflohmarkt in DD fünf verschiedene phönix- und einen sirius gefunen.

    ferner einen VEB LPF Leipzig „Turm”. kann der von derselben pianofortefabrik sein?

    sende gerne fotos!

  10. Lexikaliker

    Glückwunsch zu diesem Fund! – „LPF” steht wohl für die Leipziger Pianofortefabrik, und so denke ich, dass der „Turm” aus dem gleichen Werk stammt. – Ja, die Fotos würden mich interessieren!

  11. Balzer

    Die Pianoforte hat viel zeitiger angefangen, Bleistifte zu produzieren, lange bevor die Konsumgüterproduktion irgend eine Rolle gespielt hat. Ursache war, dass es nach dem Kriege in der „Ostzone/DDR” keine Bleistifthersteller gab, wohl aber Bleistifte gefragt waren. Bei der Pianoforte gab es aber Holzabfälle und Holzverarbeitungsmaschinen, so daß der Produktion nichts im Wege stand. Die Minen sind aller Wahrscheinlichkeit nach aus der CSSR importiert worden (KOH-I-NOOR). Ich glaube mich erinnern zu können, dass die Fertigung erst Mitte der 60er Jahre auslief. Weitere Bleistifte stellte von 1949 an die Firma Karl Knobloch in Steinigtwolmsdorf her, ein Holzwarenhersteller, der aus dem gleichen Grund die Fertigung aufnahm.

  12. Lexikaliker

    Danke für diese interessanten Details, die einiges erklären!

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Ich versuche, auf alle Kommentare einzugehen, und sei es auch nur, um Danke zu sagen.


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