Stille Beobachter (20) Warum der Bleistift? 

Markiges Marketing (2)

Reklamemarke von Johann Faber

Ebenso wie LYRA haben noch andere Schreibgeräte-Hersteller mit Reklamemarken für sich geworben, darunter auch Johann Faber aus Nürnberg, dessen „ACME”-Bleistiftspitzer hier auf 54 × 54 mm grafisch durchaus reizvoll angepriesen wird. – Die erste Variante dieses aus drei Teilen (Korpus, zweiseitig geschliffenes Messer und Rändelschraube) bestehenden Spitzers kam laut Leonhard Dingwerths „Kleiner Anspitzer-Fibel” um 1905 auf den Markt; der Gebrauch des englisches Wortes „acme” auf dem deutschen Markt der damaligen Zeit überrascht mich jedoch.

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Stichwörter: Johann Faber, Museum, Reklame

7 Kommentare zu „Markiges Marketing (2)”

  1. Matthias

    Ich falle Ihnen ungern ins Wort, werter Lexikaliker, aber „ACME” ist hier vermutlich kein englisches Wort.
    Akme (oder ακμή) ist ein Wort im Griechischen und bezeichnet den Höhepunkt einer Entwicklung. In dieser Bedeutung wird es m.E. auch in dieser Werbung verwendet, wenngleich die (in der Tat englische) Schreibweise mit „C” verwundert. Vermutlich existierte zu Beginn des 20 Jahrhunderts noch eine relevante Zielgruppe der Altphilologen mit hohen Erwartungen an die Qualität von Bleistiftspitzern.
    Im englischsprachigen Bereich hat ACME aber eine andere und m.E. heute bekanntere Bedeutung (die aber wahrscheinlich erst lange nach der Werbung entstanden ist): ACME ist der Name einer fiktiven Firma, der beispielsweise in Filmen verwendet wird. Das Akronym wird gedeutet als „A Company that Makes Everything” oder auch „American Company that Makes Everything”. Bekannt ist die Firma ACME vor allem aus den Warner-Brothers-Zeichentrickfilmen (Bugs Bunny & Co) der 30er Jahre, wo quasi jeder verwendete Gebrauchsgegenstand (Sprengstoff, mobile Löcher, die man nach Belieben an eine Wand kleben kann etc. pp.) von ACME hergestellt wird. Daran angelehnt tauchen aber in diversen anderen Trick- und Realfilmen Zeugnisse des ACME-Imperiums auf, jüngst z.B. der ACME-Supermarkt, in dem Mickey Rourke in „The Wrestler” arbeitet.

  2. zonebattler

    Ha, endlich weiß ich, woher die „ACME”-Lastwagen in den Road Runner-Trickfilmen kamen. Danke für die profunde Aufklärung!

  3. Frank

    Der Hinweis von Herrn Matthias auf den wahrscheinlich griechischen Ursprung von ACME finde ich sehr interessant.

    Anzumerken bleibt, dass der Fremdwortgebrauch nicht erst seit unseren Tagen üblich ist, wie die Gründung des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins 1885 und seine Kritik am „Fremdwörterunwesen” belegt; und dies keineswegs nur am damals vorherrschenden Französisch, sondern auch an Latein, Griechisch und Englisch. Die gelegentliche Lektüre von Theodor Fontane und insbesondere Thomas Manns ist in diesem Zusammenhang sehr aufschlussreich: „Langsam, Gabriele, take care, mein Engel.” (Tristan)

  4. Lexikaliker

    Matthias, danke für Ihre sehr interessanten Ausführungen. Als großer Fan der alten Warner-Brothers-Cartonns kannte ich zwar „ACME” (und schloss von diesem auch fälschlicherweise auf die englische Herkunft des Wortes), doch der griechische Ursprung war mir gänzlich unbekannt. Mit Ihrer Vermutung, die Altphilologen könnten damals als Zielgruppe eine nicht zu vernachlässigende Rolle gespielt und daher im Blick der Werbung gestanden haben, könnten Sie richtig liegen – ein bemerkenswerter Aspekt!

    zonebattler, für die Herkunft von ACME gab (gibt?) es noch eine weitere Erklärung: In einer Ausstellung zu den Cartoons der Warner Brothers in Frankfurt 1997 hieß es, der Name wäre auf einigen der Schienen zu sehen gewesen, mit denen die Zeichnungen für das Fotografieren fixiert wurden (eine Bestätigung dafür habe ich bis jetzt jedoch nicht gefunden).

    Frank, das Alter der Kritik am „Fremdwörterunwesen” und dessen Umfang ist beeindruckend! Danke für dieses Detail – auch das war mir neu.

  5. Matthias

    Einschlägig zur Fremdwortkritik ist Gustav Wustmann, Allerlei Sprachdummheiten — Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen, Leipzig 1891 (mit vielen späteren Auflagen), ein aus heutiger Sicht höchst amüsant zu lesendes und antiquarisch leicht greifbares Buch.
    Ich zitiere aus dem Kapitel „Fremdwörter”:
    „Viele [Fremdwörter], die vor vierzig, fünfzig Jahren noch für fein galten, fristen heute nur noch in den untersten Volksschichten ein kümmerliches Dasein; man denke an Madame, Logis, Piece, vis-à-vis, peu-à-peu (in Leipzig beeabeeh gesprochen), retour, charmant, meschant, inkommodiren und viele andere. Wer amüsiert sich noch?doch nur der Hottig; der anständige Mensch hat längst wieder angefangen sich zu vergnügen. Wie lange der feine junge Mann in Deutschland seine Tänzerinnen noch engagiren wird? Lange hoffentlich nicht mehr, denn in Leipzig engagirt man schon die Scheuerfrau. […] Wo ist das Parapluie geblieben, das doch auch einmal fein war, und wie fein! Ein verhältnismäßig neues Fremdwort ist funktioniren; aber wie bald wird es seinen Modeweg zurückgelegt haben! Sagt doch schon der Kellner zu einem locker gewordnen Zigarrenabschneider: er funktionirt nicht mehr ordentlich.[…]
    Wundern muß man sich, daß die Männer der Wissenschaft, bei denen man doch die größte Einsicht voraussetzen sollte, gegenwärtig noch fast alle in dem Wahne befangen sind, daß sie durch Fremdwörter ihrer Sache Glanz und Bedeutung verleihen könnten. Auf den Universitätskathedern und in der fachwissenschaftlichen Litteratur, da jagen sich die Fremdwörter noch. Der deutsche Professor glaubt immer noch, daß er sich mit editio princeps, terra incognita, eo ipso, bona fide, Publikation, Argumentation, Acquisition, Kontroverse, Resultat, Analogie, intellektuell, individuell, ethisch, identisch, irrelevant, adaequat, ediren, polemisiren vornehmer ausdrücke als mit erste Ausgabe, unbekanntes Land, von selbst, in gutem Glauben, Veröffentlichung, Beweisführung, Erwerbung, Streitfrage, Ergebnis u.s.w.”
    (So gehts noch seitenweise weiter.)
    Hiermit erkläre ich „Hottig” zu meinem Wort des Tages, ohne genau zu wissen, was so einen Hottig (abgesehen von den mangelhaften Umgangsformen) so auszeichnet …

  6. Matthias

    Nachtrag bezüglich des Hottig:
    Die Gebrüder Grimm kennen den Hotticht:
    „HOTTICHT, n. lumpenpack, lumpiges gesindel; in verstärkender zusammensetzung: das ärgste lumpenhottigt. causenm. 43. es ist jedenfalls mit dem von VILMAR 180 als vorzugsweise niederhessisch verzeichneten huttich, hottich, hutch, masc., schimpfwort für einen armseligen, lumpigen, bettelhaften menschen, auch in dem verschärfenden compositum lausehottich, lausehutch, aufs engste verwandt, das sich seinerseits wieder mit hudel berührt, s. dort.”

  7. Lexikaliker

    Das ist ja klasse! Danke auch für diese interessanten Details. „Hottig” ist in der Tat ein sehr schönes Wort, und die Vorstellung, dass sich „der Hottig amüsiert”, bereitet mir Vergnügen. – In meinen Nachschlagewerken habe ich dieses Wort vergeblich gesucht; vielleicht ist es ja mit „Hottentotte” verwandt.

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Ich versuche, auf alle Kommentare einzugehen, und sei es auch nur, um Danke zu sagen.


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