Patent Nr. 618308

Wer hatte als ers­ter die Idee zu einem Blei­stift­spit­zer mit gebo­ge­nem Mes­ser1 (wie z. B. dem Faber-Castell Janus 4048) und ließ sie sich paten­tie­ren? Diese Frage ist nicht leicht zu beant­wor­ten, doch das Patent Nr. 618308 für einen „Blei­stift­spit­zer mit Klin­gen“, erteilt am 31. August 1932 für Leo­pold Jacob­sohn in Ber­lin und bekannt­ge­ge­ben am 22. August 1935, könnte Auf­schluss geben.

Patent Nr. 618308

In der Patent­schrift heißt es:

Die Erfin­dung betrifft Blei­stift­spit­zer mit Klin­gen zur Erzeu­gung einer kurvenför­migen oder gebro­che­nen Schnitt­li­nie am Holz und Minenteil.

Und wei­ter:

Es ist bekannt, Klin­gen so her­zu­stel­len, daß sie eine geknickte oder gebo­gene Schneide auf­wei­sen. Sie müs­sen infolge die­ser Form beim Schlei­fen mehr­mals ein­ge­stellt und genau geschlif­fen wer­den. Da eine wirk­li­che Genau­ig­keit die­ser mehr­fa­chen Schleif­kan­ten nicht zu erzie­len ist, muß jede Klinge beim Ein­set­zen in den Spit­zer erst ein­ge­stellt wer­den. Dadurch wer­den der­ar­tige Blei­stift­spit­zer teuer.

Hier dachte ich zunächst, dass man Spit­zer mit geschwun­ge­nem Mes­ser bereits kannte, doch streng genom­men geht dies aus dem Absatz nicht hervor.

Nun die Idee:

Der Erfin­dungs­ge­gen­stand besei­tigt diese Nach­teile, daß die Klin­gen gerad­li­nig her­ge­stellt und geschlif­fen wer­den. Die gerad­li­nige Klin­gen­schneide wird dann in den Klin­gen­hal­ter durch eine ent­spre­chend ange­ord­nete und aus­ge­bil­dete Klin­gen­trä­ger­platte und durch ent­spre­chend ange­ord­nete und aus­ge­bil­dete Spann­mit­tel in ungleich­mä­ßig gebo­gene oder gebro­chene Schnitt­for­men gebracht, der­art, daß der Holz­teil bei­spiels­weise gerad­li­nig und der Minen­teil kur­ven­för­mig bzw. aus der Ebene des Holz­teils gerad­li­nig abge­setzt geschnit­ten wird.

Es fol­gen die Auf­zäh­lung der Vor­teile eines sol­chen Spit­zers, Details zu zwei Mög­lich­kei­ten der Umset­zung und die Patentansprüche.

Patent Nr. 618308

Vari­ante 1

In der ers­ten Vari­ante wurde eine gerade Klinge (c) mit­hilfe eines Klin­gen­hal­ters (a, wohl der Spit­zer­kor­pus) und Spann­mit­teln (b, d) gebo­gen. Ver­mut­lich sollte hier der Teil einer gebrauch­ten Rasier­klinge2 ver­wen­det und die Nach­teile ihrer gerin­gen Dicke durch das beid­sei­tige und auf der gan­zen Länge arbei­tende Spann­mit­tel aus­ge­gli­chen wer­den; auch sprä­che der kleine Bie­ge­ra­dius dafür.

Patent Nr. 618308

Vari­ante 2

Für die zweite Vari­ante3 kam eine 0,8 mm dicke Klinge (e) mit einer 0,6 mm tie­fen Aus­sparung (f) zum Ein­satz. Zwei Schrau­ben spann­ten die Klinge auf die Trag­platte (a), wobei sich die Klinge an der Mate­ri­al­schwä­chung krümmte.

Mich würde nicht wun­dern, wenn die­ses Patent die Grund­lage für die Ent­wick­lung des Ja­nus 4046 von A.W. Faber und des Helios von Johann Faber war, denn beide Spit­zer kamen drei Jahre nach der Paten­ter­tei­lung und im Jahr der Patent­ver­öf­fent­li­chung auf den Markt. Bei die­sen bei­den Spit­zern ging die Schraube durch den Spit­zer hin­durch in ein Gewinde im Mes­ser und zog es an die gekrümmte Auf­la­ge­flä­che; diese Vari­ante würde ich als die dritte bezeich­nen. Der nächste Schritt, für mich die vierte Vari­ante, könnte dann der Janus 4048 von Faber-Castell aus dem Jahr 1965 gewe­sen sein, des­sen Mes­ser kein Gewinde, son­dern nur noch eine Boh­rung auf­wies. Durch diese drehte man die Schraube in den Spit­zer und brachte so das Mes­ser in die gebo­gene Form. – In den ers­ten bei­den Vari­an­ten hat das Mes­ser einen sehr klei­nen Bie­ge­ra­dius, wodurch das Mate­rial an der Knick­stelle stark stra­paziert wurde. Für einen wei­te­ren Nach­teil der (wie es in der Patent­schrift heißt) gebro­chenen Schnitt­form halte ich die höhere Bruch­ge­fahr der resul­tie­ren­den Spitze auf der Hö­he des klei­nen Radius. Bei den spä­te­ren Mes­sern war die Bie­ge­last gleich­mä­ßi­ger ver­teilt, was nicht nur der Halt­bar­keit des Mes­sers, son­dern wohl auch der Bruch­sta­bi­li­tät der Spitze zugute kam (ein über die ganze Länge des Mes­sers kon­stan­ter Bie­ge­ra­dius ist ange­sichts der Mate­ri­al­schwä­chung durch das Gewinde (4046/Helios) bzw. die Boh­rung (4048) und der Ver­jün­gung durch die Schneide natür­lich illusorisch).

Meine Recher­chen zur Geschichte die­ses Spit­zer­typs dau­ern an. Und es blei­ben Fra­gen: Gab es seit den frü­hen 70er Jah­ren, also nach dem Janus 4048, wirk­lich kei­nen Spit­zer mit gebo­ge­nem Mes­ser mehr? Die Schutz­dauer des Patents ist längst abge­lau­fen. Hat denn kei­ner das Kon­zept erneut umge­setzt? Und: Wie könnte eine Wei­ter­ent­wick­lung ausse­hen? Ließe sich das Mes­ser so mon­tie­ren, dass man den Krüm­mungs­ra­dius variie­ren kann? (Die­ser Gedanke kam mir beim Blick auf das US-Patent 4506716 von Hirro Haya­shi aus dem Jahr 1982.) Könnte man in den Spit­zer eine zweite Boh­rung ein­brin­gen, um an der gegen­überliegenden Schneide 2-mm-Minen zu spitzen?

Danke an Wow­ter für sei­nen Hin­weis auf die­ses Patent!

Nach­trag vom 27.5.13: Bemer­kens­wer­tes fin­det sich im US-Patent Nr. 521744, Henry A. Vea­zie am 19. Juni 1894 erteilt:

Patent Nr. 521744

Die­ses zeigt ein gekrümm­tes Mes­ser (hier zum Ein­ste­cken) in einem Aufsteckspitzer (!).

  1. Ich benutze hier „Klinge“ und „Mes­ser“ syn­onym; letz­te­ren Begriff bevor­zuge ich und wähle ers­te­ren daher vor­wie­gend bei Zita­ten.
  2. Spit­zer mit Rasier­klin­gen habe ich in schlech­ter Erin­ne­rung; siehe „Spit­zen anno dazu­mal“.
  3. Hier fiel mir zudem der kon­kave Schliff auf, den ich nur von alten Spit­zer­mes­sern kenne.

4 Kommentare zu „Patent Nr. 618308“

  1. Great rese­arch on the ori­gins of Janus and Helios! These pen­cil shar­pe­ners are so won­der­ful. OK, not all pen­cils are sui­ted, as you men­tio­ned ear­lier. Howe­ver, it’s a pity that man­kind had almost for­got­ten about their bril­li­ance. I hope at least one manu­fac­tu­rer (F-C, M+R or ano­t­her) will have the cou­rage to rein­tro­duce such a gem in the com­ing years. Thank you for ope­ning my eyes to this mar­vel. I hope your story on small beau­ti­ful things never ends.

  2. Wow­ter, thank you for your kind words. Ever­y­day I enjoy the points the 4048 pro­du­ces so it is a little sad for me that this kind of shar­pe­ner has vanis­hed. I also hope that it will be rein­tro­du­ced some­day! By the way, after repla­cing the reshar­pe­ned blade in my used 4048 with a new one I noti­ced that now only very few pen­cils aren’t sui­ted for this shar­pe­ner. In other words: This shar­pe­ner is even bet­ter than I have thought at first. – I have edi­ted the last chap­ter to include some more thoughts.

    Regar­ding the small things: If one has ever noti­ced the fasci­na­ting world hid­den inside even the most mun­dane objects it is almost impos­si­ble not to look clo­sely on every occa­sion. Or, as Sven Bir­kerts puts it in „The art of atten­tion“: „Each point, I think, is a centre around which a world can be drawn.“

  3. Lexi­ka­li­ker,

    May I ask where did you get the blade repla­ce­ment, did you bought one or just shar­pe­ned the old one?

    I have the 4046 but the blade broke.

  4. Andrés, I am sorry to hear about the bro­ken blade in your 4046. Unfor­tu­n­a­tely repla­ce­ment bla­des for the 4046/4048 aren’t avail­able any lon­ger, and I haven’t found a com­pa­ti­ble one yet. – My first 4048 had a dull blade so I shar­pe­ned it. At first it loo­ked good but then I noti­ced that I had to put much pres­sure on the pen­cil to get it shar­pe­ned – an indi­ca­tor for a dull blade and a wrong shar­pe­ner geo­me­try. After get­ting a new magne­sium 4048 I have com­pa­red both bla­des and found out that my tho­rough shar­pe­ning has made it smal­ler so I now use the new blade in the brass 4048. So, shar­pe­ning may help but it can also ruin the blade if it is over­done (of course the remai­ning deflec­tion adds to the difficulty).

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