Archiv des Stichworts „Museum”

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Die Reißzwecke

Donnerstag, den 29. Juli 2010

Jeder kennt sie, die Reißzwecke, auch bekannt als Heftzwecke, Reißnagel, Reißbrettstift, Pinne und Wanze, doch wer weiß schon von ihrer Geschichte und den vielen Varianten?

Alois Nedoluha zufolge, dem Autor der „Kulturgeschichte des technischen Zeichnens”, gebührt W. Motz der Verdienst, die erste Reißzwecke in die Welt gebracht zu haben. Der Berliner, so Nedoluha, habe 1880 einen Stift ersonnen, der aus einem ausgestanzten und um 90° abgewinkelten Teil des runden Kopfes bestand, und damit die Urform des spitzen Helfers geschaffen. (Eine weitere Quelle für diese Information konnte ich bis jetzt leider nicht ausfindig machen, ebensowenig den Vornamen des Herrn Motz oder einen Hinweis auf eine kommerzielle Nutzung seiner Erfindung.)

Die Reißzwecke

Bild 1 Reißnägel in ursprünglicher Ausführung (Maped)

Auch nach 130 Jahren kann man die klassische Form noch bekommen; gekennzeichnet mit „FIXO” ist sie u. a. bei Maped im Programm. Der Nachteil des gestanzten Stifts besteht jedoch darin, dass er vergleichsweise dick und somit nur für weiche Untergründe geeignet ist.

1888 begann Heinrich Sachs in Österreich mit der manuellen Herstellung von Reißnägeln. Zwei Jahre später stellte er auf die maschinelle Fabrikation um und war wohl der erste, der Reißnägel komplett in einem Arbeitsgang produzieren konnte; dadurch wurden sie billiger und verbreiteten sich schnell. – Sachs’ Unternehmen mit dem heutigen Namen SAX beansprucht die Erfindung des Reißnagels. Das Detail „aus nur einem Stück Bandstahl” in der Firmenchronik lässt darauf schließen, dass es sich um die alte Form handelte. Nedoluha schreibt, Heinrich Sachs habe 1925 gehärtete und polierte Reißnägel eingeführt.

Die Reißzwecke

Bild 2 Aktuelle genietete Einfachst-Reißzwecken (unbekanntes Fabrikat)

Die ersten genieteten und auch heute noch am häufigsten anzutreffenden Reißzwecken kamen laut Alois Nedoluha um 1890 in Deutschland auf; aktuelle Quellen indes schreiben diese Erfindung dem Uhrmachermeister Johann Kirsten aus Lychen in der Uckermark zu. Reich davon wurde allerdings ein anderer: Der Kaufmann Otto Lindstedt erwarb Kirstens Idee, ließ sich die Heftzwecke 1904 patentieren und wurde zum Millionär. – Am Ortsrand von Lychen erinnert eine Stele aus Stahl mit einer Riesen-Reißzwecke an den Erfinder.

Die Reißzwecke

Bild 3 Heftzwecken-Lieferprogramm der Gebr. Wichmann (Ausschnitt, 1940). – Man beachte die große Auswahl und die köstliche Formulierung „Heftzwecken für Zeichenzwecke”.

Es folgten weitere Veränderungen und Verbesserungen wie Überzüge des Kopfes aus Metall und Kunststoff sowie eine durchstoßfeste Ausführung, die eine Verletzung des drückenden Daumens ausschließt.

Die Reißzwecke

Bild 4 Aktuelle Reißnägel. Von links: unbekanntes Fabrikat mit Kunststoffüberzug, Soennecken (Deutschland), SHF (Schweden).

Seit etwa 1930 bekannt ist der sog. Zeichenmaschinenstift, der über zwei Löcher im Kopf verfügt. In diese greift ein Schlüssel, der das Entfernen des Stifts aus dem Zeichentisch erleichtert.

Die Reißzwecke

Bild 5 Spezial-Reißzwecke für Zeichenmaschinen von Kuhlmann (Katalog Gebr. Wichmann, 1940)

Die Reißzwecke

Bild 6 Reißnägel mit zwei Löchern und Löser (ALCO)

Im Jahr 1949 wurde der Reißnagel mit drei Spitzen patentiert. Dieser bietet den Vorteil, dass bereits ein einzelner das Blatt gegen Verdrehen sichert.

Die Reißzwecke

Bild 7 Reißzwecken mit drei Spitzen. Links: Maped, rechts: Delta (mit Löser, Österreich).

Eine andere Variante ist der Architektennagel mit dickerem Kopf aus Metall oder Kunststoff und feiner, spitzer Nadel, die besonders gut in festem Material hält und nur geringe Spuren hinterlässt. Interessant beim roten Stift: Der Absatz schafft eine Nut zwischen Untergrund und Kopf.

Die Reißzwecke

Bild 8 Architektenstifte. Links: mit Kunststoffkopf (Brause), rechts: mit Messingkopfplatte und geschliffener Stahlspitze (Hch. Hummel).

Über die Verwendung der Nut des roten Architektenstifts kann ich nur mutmaßen, doch bei der Heftzwecke für Planungsarbeiten informierte der Anbieter sehr detailliert über die Nutzung des Wulstes.

Die Reißzwecke

Bild 9 Heftzwecke für Planarbeiten (Katalog Gebr. Wichmann, 1940)

Die Reißzwecke

Bild 10 Heftzweckenheber und Eindrücker (Katalog Gebr. Wichmann, 1940)

Die den Zwecken beigefügten Schlüssel waren nicht die einzigen Hilfsmittel zum Schutz von Fingernagel und Messerspitze. Neben separat erhältlichen Einfachst-Hebern gab es von WEDO den „Reißnagel-Fix”, eine griffige Kombination aus Drücker und Löser, dessen hohler Korpus Reißzwecken aufnahm und sogar noch Platz für eine Anleitung bot.

Die Reißzwecke

Bild 11 Heftzwecken-Helfer. Links: Löser (unbekanntes Fabrikat), oben: „Reißnagel-Fix” (WEDO).

Zum Schluss sei noch ein recht ungewöhnliches Zwecken-Zubehör genannt, und zwar die Dornenscheibe, die, zwischen Papier und Zwecke gesetzt, ein Zerreißen des Papiers an der Einstichstelle verhindern sollte.

Die Reißzwecke

Bild 12 Dornenscheibe (Katalog Gebr. Wichmann, 1940)

Etymologische Zugabe: Woher kommt das „Reiß” an der Zwecke? „Reißen” geht zurück auf das althochdeutsche „rizan” und das angelsächsische „writan” (von letzterem stammt „write”). Auch wenn man nicht ganz sicher ist, so geht man doch von der Schreibtechnik der Runen und damit von der Bedeutung „schreiben” und „zeichnen” aus; dieses „Reißen” lebt weiter u. a. im Grundriss, dem Reißbrett, dem Anreißen und eben der Reißzwecke, die das Beschreibmaterial auf dem Reißbrett hält. (Quelle: Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 24. Auflage, 2002.) – Zur Etymologie von „Zwecke” siehe „Zweck und Zentrum”.

Kunst und Konstruktion

Samstag, den 10. Juli 2010

Die Ästhetik der technischen Zeichnung begeistert mich mindestens ebenso wie die früher dafür benutzten Utensilien, und so greife ich mir jedes Buch zur Geschichte dieser Kunst, das ich bekommen kann. Nach „The Art of the Engineer” fielen mir kürzlich zwei weitere in die Hände, und zwar „Zirkel und Lineal. Kulturgeschichte des konstruktiven Zeichnens” von Jörg Sellenriek (1987) sowie „Kulturgeschichte des technischen Zeichnens” von Alois Nedoluha (1960).

Kunst und Konstruktion

Beide Bücher sind sehr interessant aufgemacht und versprechen eine spannende Lektüre zu werden. Bereits ihre äußere Gestaltung erfreut mich: Die Konstruktion einer Sonnenuhr von Albrecht Dürer aus „Underweysung der Messung, mit dem Zirckel und Richtscheyt” (1525) schmückt den Leineneinband des ersten Titels und die stilisierte Darstellung eines Zeichenkopfes nebst dessen Führung den des zweiten.

Kunst und Konstruktion

Solche Details finde ich einfach klasse.

Zeitreise

Sonntag, den 4. Juli 2010

Anzeige der J.S. Staedtler Inc. in „Civil Engineering” (April 1960)

Vor gut 50 Jahren warben diese Anzeigen der J.S. Staedtler Inc. für die Qualitäten des Mars Duralar, dem Vorgänger des Dynagraph, beim Zeichnen auf Mylar und heute sollen sie aufmerksam machen auf den hervorragenden Beitrag „Staedtler Mars Dynagraph pencils and leads” bei pencil talk, in dem uns der sehr kundige Autor auf einen Ausflug in die Vergangenheit des technischen Zeichnens mitnimmt. Hingehen und staunen!

Anzeige der J.S. Staedtler Inc. in „Civil Engineering” (April 1960)

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Extrablatt

Mittwoch, den 16. Juni 2010

Die rasante Fortbewegung des frühen 20. Jahrhunderts in grafisch reizvoller Form illustriert dieses 18 × 18 cm² große Blatt, mit dem die Glocken-Bleistiftfabrik die Schauverpackung ihres Kopierstifts „Reporter № 5961″ schmückte.

Extrablatt

Der für die Präsentation im Laden gedachte Verkaufskasten mit Klappdeckel enthielt einige Dutzend Stifte und sah vermutlich so aus:

Extrablatt

(Ich weiß, dass die Proportionen nicht ganz stimmen, aber als Nicht-Grafiker muss ich mit solchen und anderen Unzulänglichkeiten beim Freihandzeichnen leben.) – Ein kurzes und beherztes Wühlen im Warenlager brachte den Kopierstift „Reporter 5958″ vom selben Hersteller ans Kunstlicht und vor die Linse.

Extrablatt

Der runde, dunkelgrün lackierte und goldfarben bedruckte Stift beherbergt eine metallisch glänzende Mine, die schwarz schreibt und violett kopiert.

Extrablatt

Notiz am Rande: Heute ist der dritte Jahrestag dieses bunten Durcheinanders. Danke an meine Leser!

Familienangelegenheit

Montag, den 14. Juni 2010

Die hier schon mehrfach genannte J.S. Staedtler Inc. präsentierte im Januar 1959 allen Lesern der Zeitschrift „Civil Engineering” den Zuwachs ihrer MARS-Familie.

Anzeige der J.S. Staedtler Inc. (1959)

Der in Deutschland gefertigte MARS Lumograph Duralar 2830, erhältlich in den Härten K1 bis K5, war gedacht für das Zeichnen auf PET-Folie (bekannt unter den Marken „Mylar” sowie „Hostaphan”) und verfügte als bis heute einziger holzgefasster Graphit-Stift dieses Herstellers über eine ungebrannte Mine mit Polymerbindung.

Anzeige der J.S. Staedtler Inc. (1959, Ausschnitt)

Im Text der ganzseitigen Anzeige genannt und auf dem Familienfoto vertreten waren viele bekannte Produkte, darunter der Farbstift Lumochrom und der Fallminenstift Technico, für den es auch Duralar-Minen gab. – Nachfolger des Duralar 2830 war übrigens der Dynagraph 100.

Anzeige der J.S. Staedtler Inc. (1959, Ausschnitt)

Die isometrische Darstellung der Dinge finde ich sehr ansprechend, und mich würde nicht wundern, wenn man sie im Hinblick auf die Sehgewohnheiten der technisch orientierten Kunden gewählt hätte.

Anzeige der J.S. Staedtler Inc. (1959, Ausschnitt)

Ja, hin und wieder greift der Erbsenzähler zum Fadenzähler und dreht taucht ab …

Anzeige der J.S. Staedtler Inc. (1959, Ausschnitt)

Passend dazu: Eine attraktive ½-Gros-Packung Mars Duralar gibt es bei pencil talk zu bestaunen, und Leadholder hält weitere Details zu den Stiften und Minen des Duralar-Sortiments bereit. – Wie das Deutsche Patent- und Markenamt informiert, wurde die Marke „Duralar” im Februar 1958 angemeldet und im Februar 2000 gelöscht.

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Markiges Marketing (17)

Samstag, den 12. Juni 2010

Reklamemarke von Johann Faber

Das leichte Gleiten seines „Apollo”-Bleistifts über das Papier bewarb Johann Faber auf dieser wohl gut 90 Jahre alten Reklamemarke mit einem lustigen Vergleich. Ob jedoch die recht unkonventionelle Skistellung der Fortbewegung zuträglich war und der schwarz lackierte Stift dabei als Balancierstange oder zum leichteren Auffinden des Sportlers diente, bleibt unklar.

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Der elektrische Bleistift

Donnerstag, den 3. Juni 2010

Ganz ohne Graphit trat 1976 ein besonderer Bleistift als Werkzeug zur Verschriftlichung von Gedanken an, nämlich ein elektrischer.

Der elektrische Bleistift

Die von Michael Shrayer aus den USA entwickelte Textverarbeitung „Electric Pencil” gb es zunächst für Heimcomputer mit dem Prozessor 8080 von Intel, später dann für zahlreiche weitere Systeme (darunter auch DOS 1.0). Die Erweiterungen „Pencil Ace” und „Pencil Tutor” brachten Makros, Funktionstasten sowie eine Online-Hilfe in die Hände der Benutzer und die letzte Version im Jahr 1981 den ungewöhnlichen, aber dekorativen Härtegrad 2.0 auf die Verpackung.

Mehr zum „Electric Pencil” im Softwaremuseum der „Zeit”. – Danke an Mike Loewen für den Scan aus seiner Old Technology Collection!

Eberhard Faber Blackwing 602

Sonntag, den 30. Mai 2010

Favorit von Berühmtheiten wie John Steinbeck und Nelson Riddle, Objekt der Begierde etlicher Bleistiftliebhaber und inzwischen einzeln teurer als zwei Dutzend anderer: Der „Blackwing 602″ von Eberhard Faber.

Eberhard Faber Blackwing 602

Es ist nicht leicht, diesen Bleistift unvoreingenommen zu betrachten. Experten schätzen seine inneren Werte, und sein Äußeres vermittelt den Eindruck hoher Qualität. Die Farbe des Prägedrucks im dunklen, matten Lack korrespondiert mit dem Glanz der ungewöhnlich geformten Zwinge, so dass der „Blackwing 602″ auch eine elegante Erscheinung abgibt.

Eberhard Faber Blackwing 602

Der mittlerweile wohl berühmte Slogan des „Blackwing 602″ ziert die gegenüberliegende Seite – eine weitere Besonderheit, denn wie oft findet man derartiges? Ja, ich mag so etwas, und freue mich zudem über die gelungene Typografie.

Eberhard Faber Blackwing 602

Für weniger gelungen indes halte ich die Umsetzung der zweifellos pfiffigen Idee mit dem nachfüllbaren Radierer, denn die hervorstehenden Kanten der Klammer sind scharf. Das Gewicht dieser Konstruktion verschiebt den Schwerpunkt des Stiftes auch recht weit nach hinten. – Ausprobiert habe ihn den Radierer nicht, denn er ist hart geworden.

Eberhard Faber Blackwing 602

Es kostet schon Überwindung, einen solch schwer ersetzbaren Bleistift zu spitzen, doch ich bekam ihn geschenkt mit der Vorgabe, ihn zu testen. Der Spitzer meiner Wahl für Fälle wie dieser ist der DX4112 von DUX, der das rötliche Holz dünn und sauber abträgt und die hochgelobte Mine freilegt.

Beim ersten Strich wird der ganze Kult sofort verständlich: Der „Blackwing 602″ gleitet verblüffend leicht und ein wenig wachsig über das Papier, ohne dabei zu krümeln. Nichts kratzt, schmiert, bröckelt oder bremst: Man könnte meinen, er schwebe. Obendrein lässt er sich perfekt radieren und hat eine gute, aber nicht überragende Schwärzung. – Ich konnte es allerdings nicht übers Herz bringen, seine Bruchfestigkeit zu prüfen.

Der „Blackwing 602″ gilt zu Recht als einzigartig, und auch ich kenne keinen vergleichbaren Bleistift. Sein Gleiten und die äußerst saubere Abgabe haben mich jedoch an den „Black Polymer 999″ von Pentel Japan erinnert, der aber leider seit kurzem ebenfalls nicht mehr gefertigt wird.

Vielen Dank an Jürg für den außergewöhnlichen „Blackwing 602″!

P.S.: 1998 hat Sanford die Produktion dieses Bleistifts wegen geringen kommerziellen Erfolgs eingestellt, und es gibt das Gerücht, CalCedar, der Hersteller des „Palmino”, wolle einen Nachfolger auf den Markt bringen.

Punktlandung

Samstag, den 29. Mai 2010

Zeugen einer ungewöhnlichen Landung wurden die Leser der Fachzeitschrift „Aviation” im Januar 1943: Die stilisierte, übergroße Spitze des Zeichenbleistifts „VAN DYKE” traf mitten in die ganzseitige Anzeige und die Eberhard Faber Pencil Co. mit dieser sicher auch den Geschmack des an technischen Details interessierten Publikums.

Anzeige der Eberhard Faber Pencil Co. (1943)

Ebenso präzise wie das Landemanöver war die Beschreibung des Bleistifts, die ihn zu einem Hi-Tech-Gerät machte, und wer wollte, konnte Testpilot eines der 18 Modelle werden.

Anzeige der Eberhard Faber Pencil Co. (1943)

Eine ausführliche Präsentation der „VAN DYKE”-Flotte gibt es bei Leadholder.

Feinschliff

Freitag, den 21. Mai 2010

Anzeige für den Spitzer „Gem” von F.H. Cook & Co. (1901)

Fast fünf Pfund schwer und 20 Zentimeter hoch war der gusseiserne „Gem”, der mit einer Schleifscheibe Griffel und Bleistifte in Form brachte. Die Mechanik des 1886 patentierten Spitzers drehte dabei auch den Stift, dessen Abrieb die Scheibe zusetzte und sich auf dem Tisch verteilte. Trotz dieses Nachteils wurde der Apparat jedoch über dreißig Jahre lang verkauft. – Diese 70 × 26 mm² große Anzeige stammt aus „Century Illustrated” vom März 1901.

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