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Nein, den gibt’s nicht hier, sondern drüben bei der deutschsprachigen Wikipedia, und heute dreht er sich um den Bleistift. – Danke an M. für den Hinweis!
Nein, den gibt’s nicht hier, sondern drüben bei der deutschsprachigen Wikipedia, und heute dreht er sich um den Bleistift. – Danke an M. für den Hinweis!
Guten Tag, wertes Publikum, ich heiße Berthelt. Mit einem Vornamen kann ich leider nicht dienen, denn den gab mir mein Erzeuger, der Johann Faber aus Nürnberg, weiland größter Bleistifthersteller des Landes, nicht mit, nachdem er mich vor, na, vielleicht 90 Jahren im Süden Deutschlands in die Welt gesetzt hat. Ich bekam damals einen eleganten Mantel in kräftigem Rot um, der zu meiner großen Freude mit silberfarbenen Applikationen verziert wurde – darunter auch Schlägel und Eisen, was meine Beziehung zum Bergbau zeigt –, und los ging’s.
Aufmerksamen Beobachtern wird es bereits aufgefallen sein: Ziemlich am Ende meines Überziehers prangt – einem Rangabzeichen gleich – „№ 2“, doch Kenner meines Metiers wissen sehr genau, dass die Nummer 2 in unserer Branche eigentlich die Nummer 1 ist. Diesen Sachverhalt den Nicht-Fachleuten unter ihnen zu erklären würde aber den Rahmen meiner kurzen Vorstellung sprengen, und so muss ich leider darauf verzichten.
Auch wenn mein Auftreten auf manche etwas hölzern wirken mag, so kann ich versichern, dass sich in meiner glatten, zweigeteilten Schale ein recht weicher Kern verbirgt und ich mir nicht zu schade bin, mich für meine verantwortungsvolle Tätigkeit aufzureiben. Als man mir damals eine glänzende Karriere ankündigte, hat man nicht zu viel versprochen, denn ich bin tatsächlich universell einsetzbar und mit dem Umgang jedweder Information bestens vertraut, mögen sie aus Zahlen, Buchstaben oder sonstigen Zeichen bestehen, und in der Hand Kunstschaffender vermag ich ebenso zu überzeugen.
Glänzend sind übrigens auch die grauschwarzen Spuren, die mein traditionsreiches Werk auf dem Papier zu hinterlassen vermag und denen weder Sonne noch Wasser etwas anhaben können. Ganz im Kontrast zu meinem auffälligen Äußeren mische ich mich nicht in die Belange derer ein, die meine Dienste nutzen, sondern halte mich – wie es sich für meinen Stand gehört – vornehm zurück. Wer mich und mein Können in Anspruch nimmt, kann sich also ganz auf die die eigenen kostbaren Gedanken konzentrieren.
Ich glaube sagen zu können, dass ich mich für mein Alter hervorragend gehalten habe – ich bin nicht aus dem Leim gegangen, und so sitzt mein schlichter Mantel auch heute noch wie angegossen. Apropos Mantel: Dieses betagte Kleidungsstück ist von erstaunlich hoher Qualität. Selbst nach den vielen, zum Teil turbulenten Jahrzehnten ist sein Stoff weder eingerissen noch abgegriffen, und auch den attraktiven Aufdrucken sieht man die Jahre nicht an, so dass ich bestimmt nach wie vor eine sehr gepflegte Erscheinung abgebe. Gewandungen dieser Güte findet man heutzutage recht selten, aber das nur nebenbei.
Der naheliegende Eindruck, bei meinem anstrengenden Tagewerk würde ich auf Dauer abstumpfen, täuscht sehr, denn falls nötig, bringt mich dieser komische Kauz, in dessen merkwürdigem Potpourri ich mich hier präsentieren darf, wieder schnell in Form. Doch wie es eine Lebensaufgabe so an sich hat, zehrt auch die meine an mir, so dass ich irgendwann fast gänzlich verschwunden sein werde. Aber wer weiß – möglicherweise hat ja einer der geschätzten Anwesenden mitgeschrieben, was ich hier erzählt habe, und bewahrt es damit für die Nachwelt.
Ich danke ihnen für ihre Aufmerksamkeit und empfehle mich.
Vor gut drei Monaten habe ich hier den Sirius Bleistift Nr. 2 der Leipziger Pianofortefabrik gezeigt und gefragt: Wie kommt ein Bleistift in das Lieferprogramm eines Klavierherstellers?
Der Besuch in der Ludwig-Hupfeld-Straße im Leipziger Stadtteil Böhlitz-Ehrenberg1, dem Standort der ehemaligen Pianofortefabrik, war ernüchternd, bot er doch nur den Anblick eines großen, vernachlässigten Gebäudes, an dem ein paar neue Beschriftungen angebracht wurden (darunter auch die von Rönisch, dem neuen Eigentümer des Bestands der Leipziger Piano-Union). Die Reste des alten Firmennamens am Turm, die wohl noch bis vor einiger Zeit zu sehen waren, müssen sich in der Zwischenzeit gelöst haben oder verbargen sich hinter dem grünen Netz, das den Turm teilweise umspannte.
Südfassade der ehemaligen Leipziger Pianofortefabrik im Stadtteil Böhlitz-Ehrenberg (kmz-Datei)
Eine Anfrage beim Staatsarchiv Leipzig, Teil des sächsischen Staatsarchivs, das auch online über die ehemalige VEB Deutsche Piano-Union Leipzig im Stadtteil Böhlitz-Ehrenberg informiert, lieferte jedoch einige interessante Details zur dortigen Bleistiftproduktion.

Die älteste mir vorliegende Aktennotiz stammt vom 2. April 1949. Diese führte einen Posten von 5 Tonnen Naturgraphit einer Firma Binder auf, der im Falle seiner noch zu bestimmenden Eignung für die Bleistiftherstellung freigegeben werden sollte.

Eine andere Notiz informierte am 1. Oktober 1949 über die Einrichtung der Kostenstelle Nr. 354 für die Bleistiftfabrikation. Um diese Zeit herum muss man auch schon mit der Produktion begonnen haben, denn eine Mitteilung an die Betriebsleitung vom 2. Dezember 1949 erwähnte Probleme beim Ziehen der Minenmasse: Bei den durch die nächtliche Abkühlung ungleichmäßigen Raumtemperaturen war sie brüchig, in den Mittagsstunden jedoch einwandfrei zu bearbeiten.

Ein früher Hinweis auf das verwendete Holz findet sich in einer Anweisung vom 14. Februar 1950, die zur Vermeidung von unnötigem Transport und Verschnitt des angelieferten Erlenholzes zum sofortigen Aussortieren der ungeeigneten Bohlen aufforderte. In einer Produktionsbesprechung am selben Tag beklagte man den großen Verschnitt dieses Erlenholzes, da dieses gerade für die Bleistiftfertigung sehr schlecht geeignet war.

Ein Schreiben vom 22. Februar 1950 teilte einem mir unbekannten Empfänger mit: „Auf Veranlassung der damaligen DWK haben wir in unserem Betrieb eine Fertigung von Blei-, Kopier- und Buntstiften eingerichtet, die dazu dienen soll, die Versorgung von Wirtschaft und Bevölkerung der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands in diesen Artikeln sicherzustellen.“2 Dem Brief als Muster beigefügt war ein „LPF-Bleistift, Härte 2, rund, mit runder Mine, zum Herstellerabgabepreis von DM 0,18 das Stück“, der „naturfarbig und geschliffen ohne Aufschrift“ geliefert werden konnte. Darüber hinaus wurden farbige, polierte Stifte mit Aufschrift angekündigt, für die man bereits in wenigen Monaten den dafür notwendigen Fertigungsstand zu haben gedachte. – Damit ist belegt, dass die Bleistiftherstellung in der Leipziger Pianofortefabrik lange vor der Konsumgüterproduktion der 1970er und 1980er Jahre begann.

In einer Aktennotiz vom 7. Juni 1950 wurde um geeignete Maßnahmen angesichts des knappen Vorrats an Ceylon-Graphit gebeten, da die letzte Lieferung nicht „mustergetreu ausgeführt“ wurde. Eine Besprechung am darauffolgenden Tag erwähnte die geplante Prüfung russischen Graphits auf ihre Verwendbarkeit für die Bleistiftproduktion; es bestand Aussicht, diesen im Rahmen des Handelsabkommens mit der UdSSR für eine größere Menge von in der DDR nicht benötigtem Talkum zu bekommen. Ein Anwesender wies auf die ihm vorliegende Fotokopie eines Schreibens der Firma A. W. Faber an die Kropfmühle hin, in dem A. W. Faber mitteilt, „dass die von dort bezogenen Graphite (bayrische) sehr gut wären und dass die Firma Faber in der Lage ist, ausschließlich aus diesem Graphit Bleistiftminen herzustellen, so dass sie auf die Einfuhr von Ceylon-Graphit verzichten kann.“ Die direkte Einfuhr von Ceylon-Graphit lohnte sich nicht, und der Import über England scheiterte daran, dass die Bank von England den für die Bezahlung bestimmten Betrag nicht freigab. Die Lösung dieses Problems sah man schließlich darin, dass 1,5 t Ceylon- und 1 t Korea-Graphit vom westdeutschen Spediteur des Händlers in England übernommen und über den westdeutschen Graphitlieferanten der FEMA nach Leipzig geliefert werden sollten. Der aktuelle Graphit-Engpass schien allerdings überwunden, da man noch 1,8 t Flockengraphit in Aussicht hatte und diesen nur noch feinstmahlen lassen musste. (Anm.: Die VVB FEMA war die 1948 gebildete und 1952 aufgelöste Vereinigung Volkseigener Betriebe der Industrie für feuerfeste Materialien.)

Eine Übersicht vom 20. Juni 1950 nannte Stückzahlen der Bleistift-Produktion für die Zeit vom 1. Januar bis zum 31. Mai 1950: 794.000 geschliffen, 700.848 lackiert, 55.440 lackiert II. Wahl und 1.550.288 insgesamt.

Wie eine weitere Aktennotiz am 23. Juni 1950 festhielt, hat man versucht, aus den vorhandenen Rohmaterialien Bleistiftminen zu fertigen, die dem „Mars Lumograph“ von J.S. STAEDTLER möglichst ähnlich kommen, und alle Maßnahmen darauf abgestellt. Den zur Verfügung stehenden Steingutton sah man als Minderung des Produkts im Verhältnis zur STAEDTLER-Mine und konzentrierte sich daher auf den von STAEDTLER verwendeten Graphit, einer Mischung aus feinstgemahlenem makro-kristallinem Ceylon-Graphit und eines amorphen Graphits, wie ihn beispielsweise Mexiko lieferte. Man wusste, dass bayerischer Graphit zur Herstellung von Bleistiftminen verwendet wird, und kannte den Qualitätsruf der Graphitwerke Kropfmühl AG. Ob jedoch für die „Castell“-Bleistifte der Firma A. W. Faber tatsächlich nur bayerischer Graphit benutzt wurde, konnte man nicht mit Bestimmtheit sagen.

Die Versuche, ausschließlich bayerischen Graphit zur Minenherstellung zu nutzen, begannen laut dieser Aktennotiz bereits sehr früh, hatten jedoch nicht den gewünschten Erfolg (zur Demonstration lagen Minen dieses Typs der Notiz bei). Man erwog, statt der geforderten STAEDTLER-Mine auf eine auszuweichen, die dem „Castell“-Stift der Firma A. W. Faber näherkommt und somit hauptsächlich die Verwendung von bayerischen, mikro-kristallinen Graphiten erlaubt. Sollte eine tiefschwarze Mine gefordert werden, so plante man die Verwendung eines böhmischen, amorphen Graphits anstelle des mexikanischen. – Mit zwei weiteren Notizen aus den Monaten Juni und Juli 1950, die sich mit der Auswertung von Zeitaufnahmen des Arbeitsgangs „Brettchen schneiden“ in der Abteilung Bleistiftumhüllung beschäftigten sowie einen Prämienzuschlag ankündigten, enden die mir vorliegenden Unterlagen.
Auch wenn diese Details keine verlässlichen Rückschlüsse auf das Alter oder das Material des Sirius Bleistift Nr. 2 erlauben, so bieten sie doch einen kleinen Einblick in seine Vorgeschichte und die Bleistiftproduktion an diesem Ort.
An dieser 57 × 41 mm großen und wohl 90 Jahre alten Reklamemarke des in Nürnberg ansässigen traditionsreichen Unternehmens LYRA, das 1806 gegründet wurde, gefällt mir besonders gut, wie Hersteller, Produkt und Werbebotschaft in die Darstellung integriert sind. Während diese Informationen meist losgelöst und an prominenter Stelle positioniert werden, so sind sie hier wichtiger Bestandteil des Bildes. – Ganz nebenbei gibt es in dieser Szene auch noch Dinge zu sehen, die damals alltäglich waren, heute jedoch (sicher zur Freude der meisten) verschwunden sind: Matrosenanzug, Rohrstock und Sütterlin-Schrift.
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Nach dem „ALLIGATOR“ und dem „DRAGON“ hier nun ein weiterer, recht ungewöhnlich gestalteter Bleistift, und zwar der „SPHINX“ von Johann Faber. Leider weiß ich auch von diesem fast nichts, und so beschränke ich mich auf die Präsentation dieses (wie ich finde) ansprechenden Bleistifts.
(Bilder zum Vergrößern anklicken)
Der runde, in einem sehr dunklen Rot und nicht immer ganz gleichmäßig lackierte Bleistift hat Standardmaße. Neben einer Grafik der Sphinx sowie Schlägel und Eisen, dem aus dem historischen Bergbau stammenden Sinnbild des 1876 gegründeten Unternehmens, trägt er die Aufdrucke „JOHANN FABER’S SPHINX“ und „MADE IN NÜRNBERG-GERMANY“ (die Angabe des Härtegrads fehlt jedoch). Das Alter kann ich nur schätzen: Da die Firma Johann Fabers 1942 von Faber-Castell übernommen wurde, müsste der Bleistift 67 Jahre oder älter sein (vorausgesetzt, der Markenname ist mit der Übernahme verschwunden); von der Gestaltung würde ich allerdings auf die 20er Jahre schließen.
Ein weiterer Schriftzug, ebenfalls im silberfarbenen Prägedruck, überrascht: „THE GLOBE STATIONERY MART, RANGOON.“ Wurde dieser Bleistift vielleicht für den Verkauf in einem Geschäft dieses Namens gefertigt und dazu entsprechend bedruckt? Wenn ja, handelt es sich bei „Rangoon“ um die Stadt Rangun in Myanmar, dem ehemaligen Birma?
Gespitzt mit dem Handspitzer DUX DX4122 …
… und der Kurbelspitzmaschine Carl Decade DE-100
Die Verarbeitung meiner Exemplare, die noch völlig gerade sind, ist von hoher Qualität, denn die Holzhälften zeigen keine Anzeichen dafür, dass sie sich trennen, und in allen Stiften sitzt die Mine zentrisch. Bis auf kleine Lagerspuren wie ein paar Abplatzungen des Lacks und Dellen konnten die Jahrzehnte dem „SPHINX“ nichts anhaben. Das rötliche, fein gemaserte Holz lässt sich sowohl im Handspitzer als auch in der Kurbelspitzmaschine gut spitzen, und seine Mine, die etwas härter als HB zu sein scheint, hat eine saubere und gleichmäßige Abgabe. Eine Pracht!
Auch wenn sich die Geschichte, die russischen Kosmonauten hätten das Problem des Schreibens in der Schwerelosigkeit durch den Einsatz eines Bleistifts gelöst, während die NASA Forschungsmillionen in den „Space Pen“ investierte, schon vor langer Zeit als Mythos herausgestellt hat, so lebt doch der sympathische Gedanke weiter, ein großes Problem mit einfachen Mitteln lösen zu können.
(zum Vergrößern anklicken)
An diese Legende erinnern nicht nur einige Webseiten, sondern auch der – natürlich rot lackierte und mit goldenen Sternen dekorierte – „Russian Space Pen“ von npw. Einen Test unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit kann ich angesichts der allgegenwärtigen und kaum zu ignorierenden Gravitation leider nicht durchführen, aber das Schreiben über Kopf klappt hervorragend. Ist an dieser Geschichte vielleicht doch etwas dran? Ganz gleich: Auch im Bann der Erdanziehung kann der unscheinbare Bleistift bei kniffligen Dingen sehr gute Dienste leisten.
Vielen Dank an den zonebattler für den „Russian Space Pen“!
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