Zurück in die Zukunft
Aus dem Jahr 1957 und damit gut ein halbes Jahrhundert alt sind diese beiden im Original 12 × 26 cm großen Anzeigen, mit denen die J.S. STAEDTLER Inc. mit Sitz in Hackensack (New Jersey, USA) in der Publikation „Engineering and Science“ ihre Produkte zum professionellen Zeichnen und Konstruieren präsentiert hat.
Vier Jahre vor dem ersten bemannten Flug ins Weltall und zwölf Jahre vor der ersten Mondlandung waren heutige Science-Fiction-Klassiker wie „Die Dämonischen“, „Alarm im Weltall“ und „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C“ auf der Leinwand für die Prägung der Zukunftsfantasien zuständig, und auch die – allerdings eher an praktischen Anforderungen orientierten – Konstruktionen in diesen für mich sehr gelungenen Anzeigen fügen sich gut in das damals populäre Bild zukünftiger Welten ein.

Die hier beworbenen Zeichengeräte der „Mars“-Produktreihe sind in mehrfacher Hinsicht interessant. Das 1900 registrierte Wortzeichen fand sich erstmals auf dem Kopierstift MARS-COPIER (1901) und anschließend auf dem Bleistift MARS 1225 (1908), dem Vorläufer des in den 30er Jahren eingeführten MARS-LUMOGRAPH 2886; mit letzterem wurde auch die tiefblaue Lackierung eingeführt. Der 2886 war damals in 19 Härtegraden von EXEXB bis 9H verfügbar, während sein Nachfolger, der Lumograph 100, heute nur noch bis 6H gefertigt wird. Auf den Stiften auch zu sehen ist die Darstellung des astronomischen Zeichens für den Planeten Mars in der Variante mit den Monden Phobos und Deimos (ein weiteres Foto davon gibt es hier).
Anzeige der J.S. STAEDTLER Inc. (21st century city, 1957, Ausschnitt)
Besonders ungewöhnlich für heutige Bleischreiber, aber damals offenbar üblich, ist die Form der Spitzen. Über das dafür verwendete und im Text als „Draftsman’s Pencil Sharpener“ genannte Gerät kann ich nur spekulieren; ich vermute, dass zum Freilegen der Mine etwas ähnliches wie der Dreifach-Spitzer M+R 207 zum Einsatz kam. – In dem Ausschnitt erkennt man deutlich, dass die Produktabbildungen gezeichnet sind; dies spricht mich ebenso an wie die Ästhetik und die Typografie dieser Anzeigen.

Mit im Bild der zu dieser Zeit wohl noch recht neue Fallminenstift MARS-LUMOGRAPH TECHNICO 1001, für den Minen in 18 Härtegraden von EXB bis 9H angeboten wurden (die im Jahr 1951 eingetragene Marke hat sich bis heute gehalten und findet sich bei den aktuellen Fallminenstiften Mars technico 780 C und technico 788 C). Durch den Erfolg der vom japanischen Hersteller Pentel entwickelten und erstmals 1960 in einer Stärke von 0,9 mm angebotenen Polymer-Mine1 ließ die Verbreitung der Fallminenstifte jedoch nach, und so ist die Mine Mars carbon jetzt nur noch in sieben Härten von 4B bis 4H erhältlich. – Der als „Pocket-Technico“ bezeichnete Fallminenstift war vermutlich der Vorläufer des in den 70er und 80er Jahren angebotenen „Taschenmodells“ Mars technico 782 C.
Anzeige der J.S. STAEDTLER Inc. (lunar base, 1957, Ausschnitt)
Für mich ist es immer wieder beeindruckend, mit welchen aus heutiger Sicht primitiven Zeichenwerkzeugen – die ersten kommerziellen CAD-Anwendungen kamen erst Mitte der 60er Jahre in die Unternehmen – Konstrukteure, Ingenieure und Architekten damals solch großartige Leistungen vollbracht haben.
Danke an STAEDTLER für die Genehmigung zur Reproduktion und Stephen von pencil talk für den Hinweis auf diese Anzeigen!
Alte Anzeigen von STAEDTLER | MARS 1962 →
- 1962 folgten 0,5 und 0,7 mm.↩
Schrift statt Gift
Meine geschätzte Leserschaft erfreut und verwöhnt mich sehr: Nur wenige Tage nach der einen Überraschung kam bereits eine weitere, und zwar in Gestalt eines Kurzbleistifts, mit dem wohl Lucky Strike mal geworben hat.
(zum Vergrößern anklicken)
Rund, 87 mm lang und gut 7 mm dick sieht er einem echten Glimmstengel ziemlich ähnlich, hat jedoch (wie schon der „No Smoking“) gegenüber diesem den entscheidenden Vorteil, seine schwarzen Spuren nur auf dem Papier, nicht aber in benötigten Teilen des Körpers zu hinterlassen.
Ein solches Stäbchen lasse ich mir natürlich auch als Nichtraucher äußerst gerne anbieten – vielen Dank an W.N. für den „Lucky Strike“-Bleistift!
Büro-Besonderheiten
Wer einen Zweifach-Locher mit verstellbarem Anschlag auf dem Schreibtisch hat – sei es zur Dekoration, als Briefbeschwerer oder gar zum bestimmungsgemäßen Gebrauch – und schon immer mal wissen wollte, ob diese merkwürdige, aus der Zeichenfolge „888“ und vier Punkten bestehende Kennzeichnung auf der Schiebeschiene einen Geheimcode oder eine satanische Botschaft darstellt (und warum dieses Plastikding da einrastet), wird hier und jetzt kostenfrei aufgeschlaut.
Detail der Anschlagschiene meines Dienst-Lochers Leitz 5008 (altes Modell)
Diese kryptische Markierung ist weder das eine noch das andere, sondern steht für eine pfiffige, wenn auch nicht standardisierte Erweiterung der Norm ISO 838. Befindet sich die Schiene in dieser Stellung, so ermöglicht der Locher das zuverlässige Einbringen einer für die Ablage des Papiers in manchen Ordnern notwendigen Vierfach-Lochung. Dazu führt man das Blatt einmal mit dem oberen und einmal mit dem unteren Ende des zu lochenden Rands bis zum Anschlag in das Gerät und locht es in jeder der beiden Positionen. – Die vier Punkte des hiermit enträtselten Symbols repräsentieren natürlich die vier Löcher und die drei Achten die jeweils 8 Zentimeter langen Abstände zwischen ihnen.
STABILO pencil 88
Zu den zahlreichen und zum Teil ungewöhnlichen Bleistiften, mit denen mich kürzlich ein Leser meines Weblogs sehr überrascht und erfreut hat, gehört auch der pencil 88 von STABILO.
Sechsflächig, gelb-orange, mit schwarzer Tauchkappe und den weißen, für STABILO seit 80 Jahren typischen Kantenstreifen: Der pencil 88 ist – besser: war, denn es gibt ihn nicht mehr – ein attraktiver Bleistift und zudem der perfekte Begleiter zum äußerst populären Tintenfeinschreiber point 88 aus dem gleichen Haus.
Die Beschriftung dieses Bleistifts ist äußerst knapp, denn sie umfasst noch nicht einmal den Härtegrad; neben dem Namen des Herstellers und der Produktbezeichnung findet sich nur noch die sehr kleine Blindprägung „038“ (wohl eine Produktionskennzeichnung) auf dem matt lackierten Stift. Das Holz mit den auffälligen Poren kann ich nicht identifizieren, doch es erinnert an Jelutong, das z. B. für den GREENgraph zum Einsatz kommt. Wann dieser Bleistift auf dem Markt war, weiß ich leider nicht.
Das aufgeräumte und klassische Design des pencil 88 spricht mich sehr an, und so bedaure ich, dass er nicht mehr erhältlich ist.
Vielen Dank an A.P. (nicht nur) für den STABILO pencil 88!
Nachtrag vom 18.9.09: Der pencil 88 war von etwa 1997 bis 1999 auf dem Markt. Mit ihm und einigen anderen Artikeln im Streifen-Design, darunter auch Füllfederhalter, Mäppchen und Geldbörsen, knüpfte man damals an den großen Erfolg des point 88 an.
Stille Beobachter (30)
Wie dreist! Versteckt sich dick und fett und obendrein breit grinsend hinterm Gebüsch und glaubt tatsächlich, ich würde ihn – auch abgelenkt durch die zahlreichen Attraktionen auf Neeltje Jans, dem interessanten Erlebnispark unweit seines Beobachtungspostens an der Sturmflutwehr in der Oosterschelde – nicht bemerken. Aber weit gefehlt und außerdem nicht mit mir, denn als Hobby-Paranoiker aufmerksamer Mensch entgeht mir eine derartige Observierung natürlich nicht. Da zücke ich doch sowohl gern als auch sofort meine Kamera und schieße beobachte zurück!
(Aufs Bild klicken, um eine kmz-Datei mit der Geoposition für Google Earth zu öffnen oder zu speichern)
Aus Anlass des 30. stillen Beobachters hier ein paar Quellen mit weiteren Fotos der vielen ungewöhnlichen Gesichter um uns herum:
- Silent Observer – DMP Lead Free
- I See Faces – Dodgeville
- Faces in Places – Flickr
- The faces spotted in the strangest of places – Mail Online
- La faccia è strana, parola di web – La Repubblica
- Der Klassiker: Faces in Places
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Spitzfindigkeiten
Tag für Tag spitzt man den Bleistift und trägt dabei auch immer eine gehörige Portion Graphit ab. Doch wieviel genau? Oder anders herum gefragt: Wieviel von der Mine landet tatsächlich auf dem Papier?
Von links: Stangenradierer Tombow Mono zero, Notizbuch „Kompagnon“ von Brunnen, Radierer Tombow Mono, Pentel GraphGear 500, Bruynzeel 1605 (Bilder zum Vergrößern anklicken)
Für eine schnelle mathematische Betrachtung vereinfache ich wie folgt:
- Der Bleistift ist nicht werkseitig angespitzt.
- Der Stift wird immer senkrecht, also mit einem Winkel von 90° aufgesetzt.
- Die Spitze wird nicht verrundet.
- Es gibt keinen Verlust der Mine durch Bruch.
- Der Spitzvorgang ist sehr gut kontrollierbar.
- Die Mine wird vollständig ausgenutzt, d. h. es bleibt kein Bleistiftstummel übrig.
Nicht alle dieser Annahmen sind realistisch, aber dazu später mehr.
Das Szenario: Ich spitze den Bleistift (Minendurchmesser 2 mm) mit einem Standard-Spitzer (Spitzwinkel 22°) bis zu einem Minendurchmesser von 0,2 mm, schreibe die Mine bis zu einem Durchmesser von 1 mm herunter und spitze den Bleistift erneut. Da sich dieser Vorgang bis zum Ende des Bleistifts unverändert wiederholt, kann ich mich hier auf einen solchen Abschnitt beschränken. Dann betrachte ich das Volumen der kompletten Mine für diesen Abschnitt sowie das des zum Schreiben genutzten Minenanteils, der die Form eines Kegelstumpfes hat; der Quotient dieser Volumina liefert mir abschließend die Ausnutzung.
Die Daten in der Übersicht:
- Minenradius: R0 = 1 mm
- Spitzwinkel: φ = 22°, d. h. Winkel zwischen Kegelachse und Mantellinie α = 11°
- Startradius: r = 0,1 mm
- Endradius: R = 0,5 mm
- Länge des Abschnitts: h
- Volumen des zylindrischen Minenabschnitts: V0
- Volumen des genutzten Minenanteils V
- Ausnutzung: V/V0
Es gilt:
Mit den Formeln für den Kegelstumpf, den Zylinder und den genannten Werten ergibt sich eine Ausnutzung von V/V0 = 0,10 , d. h. nur 10 Prozent der Bleistiftmine werden wirklich genutzt! (Zum Vergleich: Druckbleistifte bringen es üblicherweise auf etwa 80, sparsame Modelle sogar auf knapp 98 Prozent.) Die weitere Betrachtung zeigt außerdem, dass dieser Wert vom Spitzwinkel unabhängig ist und man den Vorteil des langen Konus nicht prinzipiell mit einem höheren Materialverlust bezahlt.
Zurück zu den Annahmen vom Beginn: Drehe ich den Bleistift beim Schreiben, so kann ich auch noch mit einem größeren Endradius dünne Linien ziehen, doch der Verlust durch den übrigbleibenden Stummel gleicht dies wohl wieder mehr als aus. Hinzu kommt die recht geringe Kontrolle über den Spitzvorgang mit einem Handspitzer, der im Gegensatz zur Kurbelspitzmaschine keinen Anschlag kennt (eine Ausnahme ist der verstellbare DX4322 von DUX). Bei teureren Bleistiften empfiehlt sich daher der Griff zu sparsam arbeitenden Modellen.
Das praktische Tabellenwerkzeug aus Redmond ermöglicht mir, ganz flott die Ausnutzung für verschiedene Start- und Endradien zu ermitteln. Hier einige gerundete Werte:
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Diese Zahlen gelten jedoch nur unter den vereinfachenden Bedingungen, also u. a. bei vollständigem Aufbrauchen der Mine und ohne Verlust durch Minenbruch, so dass die tatsächliche Ausnutzung in der Praxis noch niedriger ist. – Ich frage mich, ob es schon einmal Ansätze gab, die Dicke der Bleistiftmine zu reduzieren (und wenn ja, warum dies nicht in die Praxis umgesetzt wurde), denn bereits bei einem Durchmesser von 1,5 mm und den erstgenannten Radien steigt die Ausnutzung von 10 auf über 18 Prozent.












