Der sprechende Bleistift
Einen Bleistift der besonderen, nämlich der sprechenden Art bewarben die Gebrüder Richter aus Leipzig im Jahr 19251 mit dieser Anzeige.
Der als „einzige Überraschung auf dem Weihnachtstisch“ angepriesene Füllbleistift2 hatte einen integrierten Radioempfänger, für den man nur einen Kopfhörer, aber nicht das „Beiwerk der sonst üblichen Zubehörteile“ brauchte. Ich gehe davon aus, dass im „Radiopen“ ein Detektorempfänger steckte, denn dieser benötigte keine eigene Stromversorgung und ließ sich gut miniaturisieren; „Gas-, Wasser- und Klingelleitung, Balkongeländer, Klavier usw.“ dienten als Antenne und Erdung. Allerdings bezweifle ich, dass man ihn aufgrund der Anschlüsse gleichzeitig und komfortabel als Schreibgerät und als Radio nutzen konnte (und vermutlich zeigte man in der Anzeige letzteres, weil man dabei eine wesentlich gemütlichere Position einnehmen konnte).
Turm
Vor einigen Jahren bin ich durch den Sirius Bleistift Nr. 2 auf die Bleistiftproduktion der Leipziger Pianofortefabrik in Böhlitz-Ehrenberg in der ehemaligen DDR aufmerksam geworden. Da es mich gewundert hat, dass es Bleistifte von einem Klavierhersteller gibt, habe ich mich auf eine Spurensuche begeben und die Augen offengehalten. Nun konnte ich Bleistifte und einen Kopierstift der Marke „Turm“ bekommen, die ebenfalls aus der Leipziger Pianofortefabrik stammen1.
Der Turm ist natürlich der des Gebäudes in der Ludwig-Hupfeld-Straße in Böhlitz-Ehrenberg2, in dem die Leipziger Pianofortefabrik ihren Sitz hatte, und ich finde es sehr schön, dass man ihn auf den Bleistiften abgebildet hat. Ich weiß nicht, wie alt die Bleistifte sind, gehe aber angesichts ihrer Gestaltung davon aus, dass sie aus der Frühzeit der Produktion, d.nbsp;h. aus den späten 1940er oder frühen 1950er Jahren stammen.
Oktober 2019
Es fällt auf, dass es den Schriftzug „Turm“ und die stilisierte Darstellung in zwei Varianten gibt. Zudem enthält der Prägedruck mit dem detaillierten Turm die Kennzeichnung „LPF LEIPZIG“ und das Zeichen für den Volkseigenen Betrieb (bei den Exemplaren im Bild leider schlecht erkennbar; zu sehen u. a. hier). Der Kopierstift trägt außerdem die Blindprägung „ZEDER“3. – Gestet habe ich bisher nur den Turm Steno, und der birgt einige Überraschungen (dazu bei Gelegenheit mehr).
Das Fabrikgebäude im Jugendstil wurde 1911 vom Leipziger Architekten Franz Hänsel für den Instrumentenhersteller Ludwig Hupfeld (1864–1949) erbaut, der dort mit 1300 Beschäftigten Klaviere und Phonolas4 fertigte. Nach dem ersten Weltkrieg galt das Unternehmen mit mehr als 20.000 Instrumenten pro Jahr als größter Hersteller dieser Branche in Europa, doch mit dem Aufkommen von Schallplatte und Rundfunk wurde es immer schwerer, die selbstspielenden Instrumente zu vertreiben; mit der Wirtschaftskrise im Jahr 1929 endete die Herstellung elektrischer Selbstspielinstrumente. Ab 1930 wurden in Böhlitz-Ehrenberg Kinoorgeln, Plattenspieler, Rundfunkempfänger sowie Möbel für Wohn- und Schlafzimmer und während des zweiten Weltkriegs Flugzeugteile hergestellt. 1949 erfolgte die Umwandlung des Unternehmens zum Volkseigenen Betrieb, in dem pro Jahr 21.000 Klaviere gefertigt wurden. Nach der Wende setzte man die Produktion von Klavieren unter den Markennamen „Rönisch“ und „Hupfeld“ fort5, doch 2009 musste das Unternehmen Insolvenz anmelden6.
März 2023
Heute beherbergt das Gebäude, seit 2009 das Hupfeld-Center, einige kleine Unternehmen, und vom Betreiber konnte ich erfahren, dass die Immobilie der AGH-Trade GmbH gehört und die Baumaßnahmen der Erhaltung des Turms dienen. – Einen Rundum-Blick bietet Google Earth.
März 2023
Bis auf das unter „Spurensuche“ aufgeführte konnte ich bis heute keine weiteren Details zur Bleistiftherstellung in der Leipziger Pianofortefabrik finden. Auf Georg Büttners Bleistiftseiten, die leider schon lange nicht mehr online sind, hieß es 2009: „In der Leipziger Pianoforte Fabrik (LPF) von Ludwig Hupfeld wurden nach 1945 neben Möbeln und Sportgeräten auch Bleistifte hergestellt. Wie lange dort produziert wurde ist nicht bekannt.“ Dazu waren zwei Bleistiftschachteln von etwa 1950 zu sehen. Interessant bleibt auch der Kommentar meines Lesers Balzer vom Februar 2009, in dem er schrieb, dass die Fertigung lange vor der Konsumgüterproduktion begann, weil es in der DDR zwar Bedarf für Bleistifte gab, aber keinen Hersteller7. Die Pianofortefabrik hatte Holzabfälle und Holzbearbeitungsmaschinen, so dass der Produktion nichts im Wege stand. Die Minen, so seine Vermutung, kamen von Koh-I-Noor aus der damaligen Tschechoslovakei8.

Mit dem Holzwarenfabrikanten Karl Knobloch in Steinigtwolmsdorf (Oberlausitz, gegründet 1896) gab es ab 1949 den zweiten Hersteller von Blei- und Kopierstiften in der DDR, der im Gegensatz zur Leipziger Pianofortefabrik auch Farbstifte im Sortiment hatte. Die Produktion endete erst 1990, und so sind die unter den Namen „Saxonia“ und „Lusatia“ angebotenen Stifte zuweilen auch heute noch finden. Diese werden Thema eines zukünftigen Beitrags sein.
- Bereits 2021 bekam ich einen Hinweis auf „Turm“. – Weitere Marken waren „Phönix“ und „Trabant“.↩
- Seit 1999 Stadtteil von Leipzig.↩
- Alle Stifte haben auch eine numerische Blindprägung. Von oben: Turm Nr. 2 (rot): 511, Turm Nr. 2 (grün): 08, Zimmermannstift: 506, Turm Copier Mittel: 409, Turm Steno: 4011.↩
- Das Phonola war ein von Hupfeld erfundenes selbstspielendes Klavier und ein Konkurrenzprodukt zum amerikanischen Pianola. – Mehr zu den von Hupfeld erdachten und produzierten Instrumenten gibt es unter „Instrumente“ auf der Website der Ludwig Hupfeld AG.↩
- Laut Wikipedia übernahm die Carl A. Pfeiffer GmbH & Co. KG, Leonberg, nach der Wende das Unternehmen und verkaufte die in Leipzig gefertigten Klaviere und Flügel unter den Markennamen „Hupfeld“ und „Rönisch“.↩
- Quelle: Hupfeld-Center.↩
- Der später in der DDR am häufigsten anzutreffende Bleistift war der Bohemia Works Blacksun 1771 von L. & C. Hardtmuth aus der Tschechoslowakei.↩
- Dies muss nicht im Widerspruch zu den Unterlagen im Staatsarchiv Leipzig stehen, denn auch wenn man damals – wie darin dokumentiert – selber Minen hergestellt hat, so heißt das nicht, dass man diese auch in ausreichender Menge produzieren konnte.↩
Kurz notiert
- Werbung der speziellen Art für den STAEDTLER Mars Lumograph machte die südkoreanische Fernsehserie „The Glory“: Der darin zuerst als Modeaccessoire und dann als Waffe eingesetzte Bleistiftklassiker ist dieser Meldung bei 8days zufolge in Südkorea zurzeit ausverkauft.
- Unter dem Namen „The Wobbly World“ bietet das Studio VON JETZT einige Stifthalter mit Schreibgerät an. Die kugelförmigen Halter aus Messing und unterschiedlichen Hölzern nehmen einen Bleistift oder einen Füllfederhalter auf und machen einen interessanten Eindruck, werden aber leider so chaotisch präsentiert, dass mir ganz wobbly wird. – Danke an Wowter für den Hinweis!
- Im Forum Knockology hat der Nutzer stu-dying Katalogmaterial zu den Druckbleistiften von STAEDTLER aus dem Zeitraum von 1969 bis 2022 zusammengestellt.
- Unter dem Titel „Mechanical Inclination“ ging bereits Anfang 2021 ein neues Weblog hauptsächlich zu Druckbleistiften an den Start.
- Mitsubishi/uni Japan hat neue Gel- und Kugelschreiber vorgestellt. Mit dem uniball one P (mit P für „Pocket“) gibt es eine kurze Version des Gelstifts uniball one, der Dreifach-Kugelschreiber Jetstream Prime 3 mit neuer Mechanik wird in vier limitierten Varianten angeboten und der Mehrfachstift Jetstream 4&1 (vier Kugelschreiberfarben und 0,5-mm-Druckbleistift) ist auch mit Bambus-Griffstück erhältlich (letzterer erinnert mich an den Jetstream 4&1 von Tokyu Hands).
- Bereits ein paar Jahre alt, aber für mich neu: „Wer mit Bleistift schreibt, blickt anders auf die Welt“. Die Aussage im Titel unterschreibe ich natürlich sofort!
Bohemia Works scala COP. 2767
Heute nur ein Foto, und zwar vom Kopierstift Bohemia Works scala COP. 27671, den ich wegen seiner ungewöhnlichen Gestaltung zeige.
Die Lackierung ist beeindruckend, erweckt sie doch fast den Eindruck, als seien die Knoten erhaben. – Einen ganz anderen SCALA von L. & C. Hardtmuth bewarb eine fast 100 Jahre alte Reklame, die unter „SCALA № 1012“ zu sehen ist.
- Bohemia Works war eine von L. & C. Hardtmuth 1957 gegründete Exportfirma für die Märkte, in denen die Marken „Hardtmuth“ und „Koh-I-Noor“ nicht genutzt werden konnten.↩
„Architekt Grundfest spricht“
In dieser Anzeige aus dem Jahr 19351 lässt die Schwan-Bleistift-Fabrik in Nürnberg den Architekten Grundfest ein gutes Wort für die STABILO Blei- und Farbstifte einlegen.
Man hatte bestimmt Freude daran, eine Figur auftreten zu lassen, die sofort als frei erfunden erkennbar war, und hat die humorvolle Wirkung mit der Formulierung „Architekt Grundfest spricht“, dem freigestellten Kopf und der einzelnen Hand mit den drei überdimensionierten Stiften sicher gerne unterstrichen. – Die Gestaltung des Schriftzugs „Bleistift-Fabrik“ finde ich reizvoll2.
Nachtrag vom 3.4.23: Von STABILO konnte ich erfahren, dass die Anzeige aus dem Jahr 1941 stammt.
- Angabe des Anbieters.↩
- Der charakteristische „STABILO“-Schriftzug wurde 1960 kräftiger und die Punze des „O“ neigte sich nach rechts (siehe „STABILO 8770“).↩
Zurück zu den Wurzeln
STAEDTLER hat vier Bleistifte von PEFC-zertifizierter Kolorado-Tanne auf FSC-zertifizierte Linde umgestellt.
STAEDTLER tradition 110 aus Kolorado-Tanne (oben) und Linde (unten)
Neben dem tradition 110 (im Bild)1 betrifft dies den tradition 112 und den Noris 122 (beide mit Radiertip) sowie den unlackierten 123 60.
Im 17. Jahrhundert, als sich in Nürnberg das Bleistiftmachergewerbe entwickelte, war die heimische Linde (Tilia) die wichtigste Holzart für Bleistifte. Durch den späteren Erfolg der Zeder2 und ihren höheren Preis wurde die Linde bevorzugt für günstige Stifte wie z. B. Zimmermannsbleistifte genutzt (auch STAEDTLER bewarb sie vor gut 100 Jahren entsprechend). Doch der regionale Bezug, die lange Geschichte und vor allem höhere Umweltstandards machen die Linde inzwischen auch für andere Bleistifte attraktiv; von Vorteil ist zudem, dass die Linde im Gegensatz zur Zeder in Europa wächst und ohne Imprägnierung3 verwendet werden kann.
2015 hat STAEDTLER mit den Bayerischen Staatsforsten und dem PEFC Deutschland im Rahmen des Projekts „Von der Linde zum Bleistift“ für das zehnjährige Jubiläum der Bayerischen Staatsforsten einen Werbebleistift aus heimischer Linde gefertigt. Im selben Jahr folgte der STAEDTLER White aus Linde, der jedoch nur in Japan angeboten wird, und durch diese Umstellung kommt die Linde jetzt erneut als Holz hochwertiger Bleistifte auf den Markt.
- Damit kann man der Geschichte des Bleistifts „tradition“ ein weiteres Kapitel hinzufügen.↩
- Zunächst war es die Virginische Zeder (Juniperus virginiana), dann die Kalifornische Weihrauch-Zeder (Calocedrus decurrens); siehe auch „Bleistifthölzer (2)“.↩
- 2016 ist STAEDTLER bei den ergosoft-Stiften (Mars, Noris und einige Farbstifte) von imprägnierter Linde aus Ostasien auf unbehandelte Linde aus Europa umgestiegen.↩
Graphite Ultras
Lexikaliker präsentiert: Die stilgerechte Oberbekleidung für die wahren Fans unter den Bleischreibern.
Mit diesem geschmackvollen Kleidungsstück zeigt man seine bevorzugten Schreibgeräte nebst Zubehör auf reizvolle und überzeugende Weise und gibt obendrein eine gepflegte Erscheinung ab.
Das Motiv1 entstand in Zusammenarbeit mit meinem geschätzten Kollegen Dominik Hüfner, der nebenberuflich als freischaffender Künstler tätig und Mitglied der Illustratoren Darmstadt e. V. ist. Eine Auswahl seiner Werke gibt es am kommenden Wochenende (25./26.3.23) auf dem Illustrationsfestival „Illustre Gestalten“ in der Centralstation Darmstadt zu sehen; der Eintritt ist frei.
Wann und wo das T-Shirt zu haben sein wird2, steht noch nicht fest und hängt auch von der Nachfrage ab. Details folgen!
- Die Schrift ist die Kompakt von Hermann Zapf aus dem Jahr 1954.↩
- Selbstverständlich dann auch in anderen Farben.↩










