Bleistifte

Rohstoff (3)

Zedernholz-Brettchen

Auch wenn man die aus Gra­phit und Ton her­ge­stellte Mine auch ohne oder mit einer Hülle aus ande­ren Mate­ria­lien als Holz benut­zen kann, so ist doch letz­te­res für den klas­si­schen Blei­stift unver­zicht­bar. Tra­di­tio­nell greift man dabei auf das Holz der Zeder zurück, weil es sich auf­grund sei­ner gera­den Fase­rung und der gleich­mä­ßi­gen, fei­nen Tex­tur sehr leicht schnei­den lässt und daher für Blei­stifte beson­ders geeig­net ist.

Dr. Edu­ard Schwan­häu­ßer nannte in „Die Nürn­ber­ger Blei­stift­in­dus­trie und ihre Arbei­ter in Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart“ das Buch „Fleta Minor. The laws of art and nature“ (1683) von Sir John Pet­tus als die älteste ihm bekannte Quelle, in der das Zedern­holz zum Zwe­cke der Blei­stift­her­stel­lung erwähnt wird. Für viele Blei­stifte kommt heute ande­res Holz wie Weymouth-​Kiefer, Jel­utong und Linde zum Ein­satz, und physikalisch-​chemische Ver­fah­ren machen zudem wei­tere Höl­zer für Blei­stifte nutz­bar. An der Bevor­zu­gung der Zeder indes hat sich nichts geän­dert, und so gilt ihre kali­for­ni­sche Vari­ante nach wie vor als erste Wahl für hoch­wer­tige Bleistifte.

Obi­ges Foto zeigt ein Brett­chen aus letz­te­rer im typi­schen For­mat von 184 × 74 × 5 mm, bevor der Füh­rungs­falz sowie die Nuten gefräst und die Minen ein­ge­leimt wer­den; danach wird es mit einem wei­te­ren ebenso bear­bei­te­ten Brett­chen zum soge­nann­ten Sand­wich ver­leimt (gerne hätte ich die Zeder in unbe­ar­bei­te­ter Form vor­ge­stellt, doch lei­der erlaubt das Bud­get die­ses Web­logs noch keine Aus­lands­re­cher­chen). – Übri­gens: Man­che aktu­el­len Blei­stifte sind gering­fü­gig dün­ner als ihre Vor­gän­ger, weil man heute aus einem Sand­wich zehn von ihnen fer­tigt, wäh­rend es frü­her nur neun waren.

Nach­trag vom 9.5.15: Mehr zum Thema unter „Blei­stift­höl­zer (1)“.

Patentschrift Nr. 74853

Einen Hin­weis auf die Sub­stan­zen, die man der Graphit-​Ton-​Mischung für Blei­stift­mi­nen bei­geben wollte (und viel­leicht auch bei­gege­ben hat), gibt diese Patent­schrift von 19451, auf die ich bei der Suche nach etwas völ­lig ande­rem gesto­ßen bin.

Patentschrift Nr. 74853

Zu Zei­ten der Licht­pause war ein hoher Kon­trast zwi­schen dem Beschreib­ma­te­rial und der Schrift wün­schens­wert. Bei ers­te­rem hatte man die Wahl und griff zu sehr dün­nem oder Trans­pa­rent­pa­pier, doch der Blei­stift bot diese nicht, da sein Här­te­grad den Anteil des die Licht­un­durch­läs­sig­keit bestim­men­den Gra­phits vor­gab. Laut die­ser Patent­schrift bil­det der Ton durch den Brenn­vor­gang einen kera­mi­schen, glas­ähn­li­chen Kör­per, des­sen Abstrich eine für Paus­zwe­cke ungüns­tige Licht­durch­läs­sig­keit aufweist.

Die Erfin­dung bestand darin, der Minen­masse Stoffe zuzu­ge­ben, die das beim Bren­nen des Tons ent­ste­hende Mate­rial licht­un­durch­läs­sig macht und damit des­sen Licht­paus­fä­hig­keit ver­bes­sert. Diese Zusätze soll­ten beim Bren­nen für Glä­ser sor­gen, die die beim Licht­pau­sen genutz­ten Wel­len­län­gen absor­bie­ren; infrage kamen dazu Ver­bin­dun­gen mit Schwer- und Erd­al­ka­li­me­tal­len sowie mit Metal­len der sel­te­nen Erden, die in ganz unter­schied­li­cher Form bei­gege­ben wer­den konn­ten und etwa 4 bis 8 Pro­zent der Gesamt­masse aus­mach­ten. – Wer diese Idee hatte und ob sie es damals bis in die Pro­duk­tion schaffte, konnte ich noch nicht herausfinden.

Ich gehe davon aus, dass die­ser Ver­such längst nicht der ein­zige war, um die Eig­nung der Blei­stift­mine für einen bestimm­ten Zweck durch Bei­men­gun­gen zu ver­bes­sern. Ein Kata­log von LYRA aus den 1950er Jah­ren (wie­der­ge­ge­ben in dem Buch „Mei­len­steine. 150 Jahre Lyra-​Orlow“) schreibt zur Spit­zen­sorte Orlow 6300, es sei „durch ein beson­de­res Ver­fah­ren die Reflex­wir­kung des Gra­phits abge­schwächt“ und außer­dem „die Licht­paus­fä­hig­keit der Mine durch ein paten­tier­tes Ver­fah­ren noch wei­ter gestei­gert“ wor­den – gar auf einem dem oben genann­ten ähn­li­chen Weg?

Anm.: Dies ist die 400. Bei­mi­schung in die­sem Weblog.

  1. Kurio­ser­weise ent­hält es nicht den Namen des Patent­in­ha­bers.

Masse für Klasse

Minenmasse für Bleistifte von STAEDTLER

So sieht sie aus, die durch Mischen und Ver­kne­ten der gemah­le­nen Roh­stoffe Gra­phit und Ton sowie Was­ser ent­stan­dene Minen­masse. Der dar­aus gepresste Minen­strang wird in blei­stift­lange Stü­cke geschnit­ten und diese dann vor­ge­trock­net, gebrannt und mit Wachs imprä­gniert; damit sind die Minen fer­tig und für das Ein­lei­men in die genute­ten Brett­chen bereit.

Schmuckstück

Nach den Tanz­kar­ten­blei­stif­ten von J.J. Reh­bach hier ein Ball­blei­stift von J.S. STAEDTLER, den der Her­stel­ler 1901 in meh­re­ren Far­ben in das Pro­gramm nahm und zum sel­ben Zweck anbot.

Ballbleistift von J.S. STAEDTLER

Das runde, nur 63 mm kurze und knapp 6 mm dünne Stift­chen (im Bild ein Exem­plar aus dem Jahr 1907) trägt an sei­ner Metall­kap­sel eine dop­pelte, farb­lich auf den wei­ßen Lack abge­stimmte Schnur, die in einer deko­ra­ti­ven Quaste endet und zur Befes­ti­gung des win­zi­gen Stifts an der Tanz­karte diente.

Ballbleistift von J.S. STAEDTLER

Die Lackie­rung, auf dem ein sil­bern glän­zen­der Prä­ge­druck den Vier­tel­mond zeigt sowie den Mar­ken­na­men und das Her­stel­lungs­land nennt, hat keine Risse und damit die gut hun­dert Jahre bes­tens über­stan­den; auch die gut sit­zende Kap­sel weist nur geringe Spu­ren der Alte­rung auf. Ein klei­nes Juwel!

J.S. STAEDTLER 1919 (2)

Einer der unge­wöhn­li­chen, im Kata­log von J.S. STAEDTLER des Jah­res 1919 prä­sen­tier­ten Arti­kel war der „Straßenbahn-​Patentstift mit beweg­li­cher Kopier­mine“, den es in zwei Vari­an­ten gab.

Straßenbahn-Patentstift

Klei­ner Exkurs: Der „Patent­stift“ bestand aus einer meist höl­zer­nen Hülse, an deren einem Ende eine Schraub­klem­mung die Mine hielt. Auch Faber-​Castell bot sol­che Schreib­ge­räte in zahl­rei­chen Aus­füh­run­gen und im Kata­log von 1902 mit 32 (!) ver­schie­de­nen Minen­stär­ken an. Da die Minen noch nicht genormt waren, hal­fen soge­nannte Blei­leh­ren mit unter­schied­li­chen Dräh­ten und Stä­ben bei der Bestim­mung des kor­rek­ten Durch­mes­sers (Faber-​Castell hatte damals gleich drei sol­cher Leh­ren im Sortiment).

Die Kopier­mine, hier gehal­ten von einer auf­wän­dig gestal­te­ten Spitze aus Nickel, ent­hielt den Ani­lin­farb­stoff Methyl­vio­lett, des­sen Syn­these gut 50 Jahre zuvor erst­mals gelang. Im Gegen­satz zum Gra­phit gehen die Sub­stan­zen der Kopier­mine eine unlös­bare Ver­bin­dung mit dem Papier ein, was die spur­lose Ent­fer­nung ihrer Schrift fast unmög­lich und die Mine damit doku­men­ten­echt macht. Der Kugel­schrei­ber sollte erst 20 Jahre spä­ter erfun­den wer­den und Tinte war für den mobi­len Gebrauch meist nicht hand­lich genug, so dass der Kopier­stift lange kon­kur­renz­los war und daher (wie hier) eben auch Stra­ßen­bahn­schaff­nern zum Mar­kie­ren von Fahr­kar­ten ange­dient wurde.

Straßenbahn-Patentstift

Als eine sehr frühe Form des mecha­ni­schen Stifts kam der Patent­stift ohne Spit­zer aus, was ihm einige Vor­züge gegen­über den holz­ge­fass­ten Schreib­ge­rä­ten ver­lieh. – Zur Dicke der Kopier­mi­nen, die in Schach­teln mit ¼ Gros (36 Stück) bereit­ge­hal­ten wur­den, macht der Kata­log keine Angabe.

Eine Ver­sion des run­den Straßenbahn-​Patentstifts war mit einem (hier per­spek­ti­visch nicht ganz kor­rekt dar­ge­stell­ten) Gum­mi­ring ver­se­hen, der ähn­lich einem Blatt­wen­der – in sei­ner klassisch-​dunkelgrünen Igel­form eine Büro-​Ikone – das Lösen der Fahr­scheine vom Block erleichterte.

Straßenbahn-Patentstift

Der Zeich­ner der Pro­dukt­ab­bil­dung spen­dierte dem Vier­tel­mond, dem knapp zwan­zig Jahre vor Erschei­nen die­ses Haus­ka­ta­logs beim Nürn­ber­ger Amts­ge­richt ange­mel­de­ten und damit ältes­ten Mar­ken­zei­chen des Unter­neh­mens, eine gewal­tige Nase und eine recht ernste Mine, was mir außer­or­dent­lich gut gefällt. – Bei „hiezu“ han­delt es sich übri­gens nicht um einen Druck­feh­ler, son­dern um die damals in Süd­deutsch­land übli­che und heute ver­al­tete Form von „hierzu“.

← Ein­lei­tung | J.S. STAEDTLER 1919 | Taschen-​Bleistift „Famu­lus“ →

Neues vom Mars

Schlank wie das bewor­bene Pro­dukt war diese etwa 25,5 cm hohe Anzeige, mit der die J.S. STAEDTLER Inc. in Hacken­sack, New Jer­sey (USA) in den 1950er Jah­ren das neue Leis­tungs­merk­mal des Fall­mi­nen­stifts „Mars Tech­nico 1001“ bewarb und dabei auch mit dem Mar­ken­na­men spielte.

Neues vom Mars

Die Neu­ig­keit war der in den Drü­cker des Stifts inte­grierte Minen­spit­zer, der ein sepa­ra­tes Gerät ent­behr­lich machte und in die­ser sicher an tech­nisch ori­en­tierte Nut­zer gerich­te­ten Anzeige in einer glei­cher­ma­ßen infor­ma­ti­ven wie deko­ra­ti­ven Schnitt­dar­stel­lung zu sehen war. – Es fällt auf, dass hier ein Foto des Stifts zum Ein­satz kam, wäh­rend andere Anzei­gen aus der glei­chen Zeit noch Zeich­nun­gen enthielten.

Markiges Marketing (11)

LYRA-ORLOW Zeichen- und Copierstifte

„Zeichen- und Copier­stifte“ des Fabri­kats LYRA-​ORLOW bewarb diese 42 × 56 mm große Rekla­me­marke gut 100 Jahre nach der Grün­dung des Unter­neh­mens im Jahr 1806. Etwa vier Jahr­zehnte zuvor ließ sich der Her­stel­ler die Lyra als Waren­zei­chen ein­ge­tra­gen, doch warum man sich aus­ge­rech­net für das antike Zupf­in­stru­ment als Sinn­bild ent­schie­den hat, ist laut der 1956 erschie­ne­nen Schrift „Mei­len­steine – 150 Jahre Lyra-​Orlow“ nicht ganz klar. Viele Gesangs­ver­eine der dama­li­gen Zeit tru­gen jedoch eben­falls die­sen Namen, und man nimmt an, dass Mit­glie­der eines sol­chen Ver­eins, die oft auch im gesell­schaft­li­chen Leben ihrer Stadt eine Rolle spiel­ten, zu die­ser Ent­schei­dung bei­getra­gen haben. – Die blau gewan­dete Dame mit Kranz, die das Instru­ment ein­drucks­voll in die Sonne hält, wird flan­kiert von zwei Stif­ten mit den Bezeich­nun­gen „HB 2 ORLOW LYRA BLEISTIFT-​FABRIK NÜRNBERG“ und „LYRA COPYING INK PENCIL Com­pres­sed Lead“.

Neben dem Koh-​I-​Noor und dem Cul­linan ist der Orlow ein wei­te­rer berühm­ter Dia­mant, des­sen Name Schreib­ge­räte schmückte, und mit den holz­ge­fass­ten Uni­ver­sal­schrei­bern hat LYRA auch heute noch Arti­kel die­ses Namens im Programm.

← vor­he­rige | Mar­ki­ges Mar­ke­ting | nächste →

Nach oben scrollen