Der Bleistift in der Hauptrolle
Bei STAEDTLER Australia gibt es einen gut fünfminütigen Film über die Herstellung eines holzgefassten Bleistifts zu sehen.
Bei STAEDTLER Australia gibt es einen gut fünfminütigen Film über die Herstellung eines holzgefassten Bleistifts zu sehen.
Auch wenn man die aus Graphit und Ton hergestellte Mine auch ohne oder mit einer Hülle aus anderen Materialien als Holz benutzen kann, so ist doch letzteres für den klassischen Bleistift unverzichtbar. Traditionell greift man dabei auf das Holz der Zeder zurück, weil es sich aufgrund seiner geraden Faserung und der gleichmäßigen, feinen Textur sehr leicht schneiden lässt und daher für Bleistifte besonders geeignet ist.
Dr. Eduard Schwanhäußer nannte in „Die Nürnberger Bleistiftindustrie und ihre Arbeiter in Vergangenheit und Gegenwart“ das Buch „Fleta Minor. The laws of art and nature“ (1683) von Sir John Pettus als die älteste ihm bekannte Quelle, in der das Zedernholz zum Zwecke der Bleistiftherstellung erwähnt wird. Für viele Bleistifte kommt heute anderes Holz wie Weymouth-Kiefer, Jelutong und Linde zum Einsatz, und physikalisch-chemische Verfahren machen zudem weitere Hölzer für Bleistifte nutzbar. An der Bevorzugung der Zeder indes hat sich nichts geändert, und so gilt ihre kalifornische Variante nach wie vor als erste Wahl für hochwertige Bleistifte.
Obiges Foto zeigt ein Brettchen aus letzterer im typischen Format von 184 × 74 × 5 mm, bevor der Führungsfalz sowie die Nuten gefräst und die Minen eingeleimt werden; danach wird es mit einem weiteren ebenso bearbeiteten Brettchen zum sogenannten Sandwich verleimt (gerne hätte ich die Zeder in unbearbeiteter Form vorgestellt, doch leider erlaubt das Budget dieses Weblogs noch keine Auslandsrecherchen). – Übrigens: Manche aktuellen Bleistifte sind geringfügig dünner als ihre Vorgänger, weil man heute aus einem Sandwich zehn von ihnen fertigt, während es früher nur neun waren.
Nachtrag vom 9.5.15: Mehr zum Thema unter „Bleistifthölzer (1)“.
Einen Hinweis auf die Substanzen, die man der Graphit-Ton-Mischung für Bleistiftminen beigeben wollte (und vielleicht auch beigegeben hat), gibt diese Patentschrift von 19451, auf die ich bei der Suche nach etwas völlig anderem gestoßen bin.
Zu Zeiten der Lichtpause war ein hoher Kontrast zwischen dem Beschreibmaterial und der Schrift wünschenswert. Bei ersterem hatte man die Wahl und griff zu sehr dünnem oder Transparentpapier, doch der Bleistift bot diese nicht, da sein Härtegrad den Anteil des die Lichtundurchlässigkeit bestimmenden Graphits vorgab. Laut dieser Patentschrift bildet der Ton durch den Brennvorgang einen keramischen, glasähnlichen Körper, dessen Abstrich eine für Pauszwecke ungünstige Lichtdurchlässigkeit aufweist.
Die Erfindung bestand darin, der Minenmasse Stoffe zuzugeben, die das beim Brennen des Tons entstehende Material lichtundurchlässig macht und damit dessen Lichtpausfähigkeit verbessert. Diese Zusätze sollten beim Brennen für Gläser sorgen, die die beim Lichtpausen genutzten Wellenlängen absorbieren; infrage kamen dazu Verbindungen mit Schwer- und Erdalkalimetallen sowie mit Metallen der seltenen Erden, die in ganz unterschiedlicher Form beigegeben werden konnten und etwa 4 bis 8 Prozent der Gesamtmasse ausmachten. – Wer diese Idee hatte und ob sie es damals bis in die Produktion schaffte, konnte ich noch nicht herausfinden.
Ich gehe davon aus, dass dieser Versuch längst nicht der einzige war, um die Eignung der Bleistiftmine für einen bestimmten Zweck durch Beimengungen zu verbessern. Ein Katalog von LYRA aus den 1950er Jahren (wiedergegeben in dem Buch „Meilensteine. 150 Jahre Lyra-Orlow“) schreibt zur Spitzensorte Orlow 6300, es sei „durch ein besonderes Verfahren die Reflexwirkung des Graphits abgeschwächt“ und außerdem „die Lichtpausfähigkeit der Mine durch ein patentiertes Verfahren noch weiter gesteigert“ worden – gar auf einem dem oben genannten ähnlichen Weg?
Anm.: Dies ist die 400. Beimischung in diesem Weblog.
So sieht sie aus, die durch Mischen und Verkneten der gemahlenen Rohstoffe Graphit und Ton sowie Wasser entstandene Minenmasse. Der daraus gepresste Minenstrang wird in bleistiftlange Stücke geschnitten und diese dann vorgetrocknet, gebrannt und mit Wachs imprägniert; damit sind die Minen fertig und für das Einleimen in die genuteten Brettchen bereit.
Nach den Tanzkartenbleistiften von J.J. Rehbach hier ein Ballbleistift von J.S. STAEDTLER, den der Hersteller 1901 in mehreren Farben in das Programm nahm und zum selben Zweck anbot.
Das runde, nur 63 mm kurze und knapp 6 mm dünne Stiftchen (im Bild ein Exemplar aus dem Jahr 1907) trägt an seiner Metallkapsel eine doppelte, farblich auf den weißen Lack abgestimmte Schnur, die in einer dekorativen Quaste endet und zur Befestigung des winzigen Stifts an der Tanzkarte diente.
Die Lackierung, auf dem ein silbern glänzender Prägedruck den Viertelmond zeigt sowie den Markennamen und das Herstellungsland nennt, hat keine Risse und damit die gut hundert Jahre bestens überstanden; auch die gut sitzende Kapsel weist nur geringe Spuren der Alterung auf. Ein kleines Juwel!
Einer der ungewöhnlichen, im Katalog von J.S. STAEDTLER des Jahres 1919 präsentierten Artikel war der „Straßenbahn-Patentstift mit beweglicher Kopiermine“, den es in zwei Varianten gab.
Kleiner Exkurs: Der „Patentstift“ bestand aus einer meist hölzernen Hülse, an deren einem Ende eine Schraubklemmung die Mine hielt. Auch Faber-Castell bot solche Schreibgeräte in zahlreichen Ausführungen und im Katalog von 1902 mit 32 (!) verschiedenen Minenstärken an. Da die Minen noch nicht genormt waren, halfen sogenannte Bleilehren mit unterschiedlichen Drähten und Stäben bei der Bestimmung des korrekten Durchmessers (Faber-Castell hatte damals gleich drei solcher Lehren im Sortiment).
Die Kopiermine, hier gehalten von einer aufwändig gestalteten Spitze aus Nickel, enthielt den Anilinfarbstoff Methylviolett, dessen Synthese gut 50 Jahre zuvor erstmals gelang. Im Gegensatz zum Graphit gehen die Substanzen der Kopiermine eine unlösbare Verbindung mit dem Papier ein, was die spurlose Entfernung ihrer Schrift fast unmöglich und die Mine damit dokumentenecht macht. Der Kugelschreiber sollte erst 20 Jahre später erfunden werden und Tinte war für den mobilen Gebrauch meist nicht handlich genug, so dass der Kopierstift lange konkurrenzlos war und daher (wie hier) eben auch Straßenbahnschaffnern zum Markieren von Fahrkarten angedient wurde.
Als eine sehr frühe Form des mechanischen Stifts kam der Patentstift ohne Spitzer aus, was ihm einige Vorzüge gegenüber den holzgefassten Schreibgeräten verlieh. – Zur Dicke der Kopierminen, die in Schachteln mit ¼ Gros (36 Stück) bereitgehalten wurden, macht der Katalog keine Angabe.
Eine Version des runden Straßenbahn-Patentstifts war mit einem (hier perspektivisch nicht ganz korrekt dargestellten) Gummiring versehen, der ähnlich einem Blattwender – in seiner klassisch-dunkelgrünen Igelform eine Büro-Ikone – das Lösen der Fahrscheine vom Block erleichterte.
Der Zeichner der Produktabbildung spendierte dem Viertelmond, dem knapp zwanzig Jahre vor Erscheinen dieses Hauskatalogs beim Nürnberger Amtsgericht angemeldeten und damit ältesten Markenzeichen des Unternehmens, eine gewaltige Nase und eine recht ernste Mine, was mir außerordentlich gut gefällt. – Bei „hiezu“ handelt es sich übrigens nicht um einen Druckfehler, sondern um die damals in Süddeutschland übliche und heute veraltete Form von „hierzu“.
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Schlank wie das beworbene Produkt war diese etwa 25,5 cm hohe Anzeige, mit der die J.S. STAEDTLER Inc. in Hackensack, New Jersey (USA) in den 1950er Jahren das neue Leistungsmerkmal des Fallminenstifts „Mars Technico 1001“ bewarb und dabei auch mit dem Markennamen spielte.

Die Neuigkeit war der in den Drücker des Stifts integrierte Minenspitzer, der ein separates Gerät entbehrlich machte und in dieser sicher an technisch orientierte Nutzer gerichteten Anzeige in einer gleichermaßen informativen wie dekorativen Schnittdarstellung zu sehen war. – Es fällt auf, dass hier ein Foto des Stifts zum Einsatz kam, während andere Anzeigen aus der gleichen Zeit noch Zeichnungen enthielten.
„Zeichen- und Copierstifte“ des Fabrikats LYRA-ORLOW bewarb diese 42 × 56 mm große Reklamemarke gut 100 Jahre nach der Gründung des Unternehmens im Jahr 1806. Etwa vier Jahrzehnte zuvor ließ sich der Hersteller die Lyra als Warenzeichen eingetragen, doch warum man sich ausgerechnet für das antike Zupfinstrument als Sinnbild entschieden hat, ist laut der 1956 erschienenen Schrift „Meilensteine – 150 Jahre Lyra-Orlow“ nicht ganz klar. Viele Gesangsvereine der damaligen Zeit trugen jedoch ebenfalls diesen Namen, und man nimmt an, dass Mitglieder eines solchen Vereins, die oft auch im gesellschaftlichen Leben ihrer Stadt eine Rolle spielten, zu dieser Entscheidung beigetragen haben. – Die blau gewandete Dame mit Kranz, die das Instrument eindrucksvoll in die Sonne hält, wird flankiert von zwei Stiften mit den Bezeichnungen „HB 2 ORLOW LYRA BLEISTIFT-FABRIK NÜRNBERG“ und „LYRA COPYING INK PENCIL Compressed Lead“.
Neben dem Koh-I-Noor und dem Cullinan ist der Orlow ein weiterer berühmter Diamant, dessen Name Schreibgeräte schmückte, und mit den holzgefassten Universalschreibern hat LYRA auch heute noch Artikel dieses Namens im Programm.
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